England’s first

Deepdale Stadium, Preston

Mit eher oberflächlichem Wissen im Gepäck habe ich das Heimspiel von Preston North End am Mittwochabend ausgewählt und kann damit, wie ich erst im Nachhinein feststelle, einen Ground verbuchen, der einen besonderen Weltrekord für sich reklamiert. Und auch sonst bleibt dieser Trip in den Nordwesten Englands als besonders eindrucksvoll in Erinnerung.

Eckdaten der Begegnung

Deepdale Stadium, Preston
Preston North End F. C. – Middlesbrough F. C.
2:1
Mi., 14. Feb. 2024 1:0 Uhr
4. Spieltag, EFL Championship
Zuschauer

Am Vormittag in Manchester gelandet machen wir uns zügig im Mietwagen auf in Richtung Nordwesten. Die Unterkunft bezogen und ab zu Fuß in a through and through proper english Arbeiterstadt!
Preston ist ein raues Pflaster, nichts für allzu zart besaitete Seelen, aber unserer Eindruck nach bestens geeignet um in eine mittelgroße Stadt des englischen Nordwestens einzutauchen.

Obwohl Stadt wie Distrikt im regionalen und auch landesweiten Vergleich gut abschneiden, was Kriminalitäts- und Beschäftigungsrate angeht, ist das Preisniveau niedrig. Der Besucher findet hier keine geschönte Fassade vor, Preston im Februar ist eine siffige Blaupause des trostlosen, grauen Alltags der britischen Unterschicht. Dessen ganz reelle Erfahrung am eigenen Leib ersparen wir uns natürlich, auch ohne getane Arbeit gehen wir gleich zur Belohnung über, dem Feierabend-Ale. Wir nehmen es im „Black Horse“ Pub ein, einem von einer Handvoll cooler Häuser, die sich bis heute in der Innenstadt behaupten und damit hartnäckig der auch hier voranschreitenden, unschönen urbanen Entwicklung die nur noch Handyläden, Barbershops, Nagelstudios und Ramsch- und Billigfoodbuden zu kennen scheint, trotzen.
Die Adresse ist eine buchstäblich ausgezeichnete Wahl und hat schon einige Preise gewonnen. Die Inneneinrichtung könnte mehr und authentischeres Flair kaum versprühen, die Bierauswahl lässt ebenfalls keine Wünsche offen, in den Genuss eines (vor-)abendlichen Live-Auftritts kommen wir heute – unter der Woche – verständlicherweise allerdings nicht. Dennoch kommen wir hier voll auf unsere Kosten und ebenso – ganz pubtypisch – schnell ins Gespräch mit den anderen Gästen, die freilich nicht glauben wollen, dass wir tatsächlich wegen des Championship-Spiels am Abend in die Stadt gekommen sind. Umso verdutzter und erfreuter ist man über den ungewöhnlichen Besuch vom Kontinent. Das gilt speziell auch für den Mann hinter dem Tresen, der die Gelegenheit bei seinem Rotschopf ergreift und unsere Bestellung in nahezu akzentfreiem Deutsch aufnimmt – seine Mutter sei Deutsche, sein Vater Ire, klärt er uns mit einem leicht triumphalen Lächeln auf.
Fast erstaunlich ist es da, dass uns ausgerechnet hier von einem älteren Pärchen dazu geraten wird, unbedingt noch einen Wetherspoon-Pub aufzusuchen.

Die über die ganze Insel vertretene Kette übernimmt kriselnde und teils nicht mehr rentable Gasthäuser und betreibt diese anschließend in Form eines Franchise-Systems weiter. Die Pubs verlieren dabei nicht gänzlich ihre Identität und können bspw. ihren althergebrachten Namen behalten, bekommen jedoch das franchisetypische Corporate Branding übergestreift, das sich bspw. in Schriftart als auch dem markentypischen Teppichboden ausdrückt, der ein jedes Wetherspoon-Haus unweigerlich als solches erkennbar macht. Preispolitisch fährt das Unternehmen eine Niedrig-, ja fast Kampfpreisstrategie: ein Pint für knapp zwei Pfund? Zumindest im „Grey Friar“ in Preston kein Problem – jedenfalls dann, wenn man nicht wählerisch ist, was das Bier betrifft.

Wetherspoon ist bei weitem nicht der einzige Player in einem Markt, der seit Jahren eine Transformation erlebt. Ob sie dabei Totengräber oder Retter der Pub-Kultur sind, das ist auch in Großbritannien eine Frage, an der sich die Geister scheiden. In jedem Fall steht den traditionellen Gastwirten in Zukunft ein harter Kampf an, der mehr denn je Innovativität und den Rückhalt der lokalen Kundschaft erfordert.

Das Publikum ist jedenfalls weniger wohlsituiert als noch im Black Horse, logischerweise trudeln auch immer mehr Fußballfans ein, die sich auf die Partie am Abend einstimmen. Da bahnhofsnah und auf dem Weg zum Stadion gelegen, kehren auch einige Gästeanhänger ein. Und auch wenn sowohl die Lilywhites als auch Boro zweifellos zu den veritablen Traditionsklubs des Nordens zählen, ist hier von etwaigem Eskalationspotenzial keine Spur und die Szenerie im Pub eine absolut entspannte Nummer.

Im Gespräch mit einem Season-Card-Inhaber erfahre ich, dass das günstige Preisniveau auch auf die Dauerkarte zutrifft. Für unter 300 Pfund kann man alle wohlgemerkt 23 Heimspiele im Deepdale sehen, und das in einem reinen Sitzplatzstadion. Gemessen am Preis für die Tageskarte ein unschlagbares Angebot, das sich auch vor den vergleichsweise verbraucherfreundlichen deutschen Preisen nicht verstecken braucht. Und dennoch ist der Zuschauerzuspruch bei PNE wie bei zahlreichen weiteren Klubs aus dem Nordwesten des Landes zwar nicht schlecht, aber definitiv ausbaufähig, ausverkaufte Spiele sind die Ausnahme. Vereine wie Preston, Blackburn oder Blackpool rekrutieren den Großteil ihrer Anhänger aus dem Stadtbezirk und dessen unmittelbarer Umgebung, haben es durch die Präsenz der vier Weltklubs aus Liverpool und Manchester aber schwer, auch regional auf eine nennenswerte Zahl zu kommen.

Was den Weg zum Stadion betrifft, folgen wir der Empfehlung und schließen uns einfach dem Pilgermarsch der Heim-Fans an. Rund zwanzig Minuten sind es zu Fuß, es ist dunkel, dass wir aufgrund dessen aber besonders viele Sehenswürdigkeiten verpassen, diese Gefahr besteht hier – bei all der wertschätzenden Liebe für so viel Bodenständig- und Ehrlichkeit – eher nicht.

Angekommen am Vorplatz wird man vom vielleicht größten Spieler der Vereinsgeschichte in Empfang genommen, der dort in Form einer sehr gelungenen Wasserstatue verewigt ist. Der sog. Tom-Finney-Splash ehrt den Angreifer, der in den Nachkriegsjahren einer der besten Fußballer Englands war, 30 Tore erzielte der gebürtige Prestonian für die Three Lions. Auf Vereinsebene schnürte der One-Club-Man seine Stiefel ausschließlich für North End, ohne dass ihm dabei ein Titel vergönnt war. Es reichte „nur“ zu einem zweiten Platz in der Meisterschaft sowie einer Finalteilnahme im FA Cup, bei der ihm und seinen Mitstreitern die Krönung jedoch versagt blieb. Dennoch eine mehr als würdige Begrüßung bei meinem England-Länderpunkt, den mir Futbology – als hätten sie’s gewusst – mit dem Kevin-Keegan-Abzeichen garniert.

Nachdem die Turnstiles und Treppenaufgänge passiert sind, eröffnet sich uns der Blick auf nicht weniger als das älteste, ununterbrochen bespielte Fußballspielfeld der Welt. Ringsum wurden über die Jahre, ja Jahrzehnte Tribünen erbaut, abgerissen, wiederaufgebaut, ausgebaut, zusammengebaut. Das Spielfeld aber blieb an Ort und Stelle. Und stand dennoch im Mittelpunkt einer aus heutiger Sicht eher unrühmlichen Maßnahme. So war man bei PNE doch Mitte der 1980er davon überzeugt, die Idee den Rasen durch eine Kunststoffoberfläche zu ersetzen sei eine glorreiche und würde gleichzeitig zu weniger Spielausfällen sowie zu Mehreinnahmen durch eine noch stärkere Nutzung des Platzes führen. Der innovative Geist wurde jedoch nicht belohnt, bevor man nicht zuletzt auf Drängen der Fans 1994 die Entscheidung revidierte und endlich zum Naturrasen zurückkehrte, war man der letzte verbliebene der zwischenzeitig vier Vertreter im englischen Fußball, der seine Heimspiele noch auf einem sog. Plastic Pitch austrug. Dreißig Jahre später ist davon freilich keine Spur mehr, der Rasen lag an diesem verregneten Mittwochabend im Februar ’24 da wie eine Eins.

Im Grunde ist es aber weniger die Spielstätte, die historischen Wert hat, sondern vielmehr der Verein dahinter. Preston North End gewann nicht nur 1889 die erste Austragung der englischen Meisterschaft, sondern verteidigte im Jahr darauf auch als logischerweise erster Klub den Titel. Dem initialen Doppelschlag konnten die Lilywhites seither jedoch keine weitere Meisterschaft folgen lassen. Auch war man inzwischen schon so lange nicht mehr erstklassig, dass bislang keine einzige Teilnahme an der Anfang der 1990er Jahre ins Leben gerufenen Premier League in den Vereinsannalen steht.
Seit 2015 ist man immerhin wieder zweitklassig und hat sich in der Championship, dem wohl einzigen Anwärter, der momentan ernsthaft mit dem deutschen Unterhaus um das Prädikat der geilsten zweiten Liga der Welt wetteifern kann, etabliert. Im Februar 2024 liegen gar leichte Aufstiegshoffnungen in der Luft. Man ist zwar „nur“ Zehnter im XXL-Klassement, der zur Teilnahme an den Playoffs berechtigende Platz Sechs aber nur zwei Punkte entfernt.

Die Begegnung hält sportlich, was sie verspricht. PNE, das sich rein tabellarisch noch leise Hoffnungen auf den Einzug in die Playoffs machen könnte – die Anhängerschaft in ihrem gewisserweise fatalistischen Realismus tut das natürlich nicht –, ist leicht überlegen und verdient sich den 2:1-Heimsieg über die ganze Spieldauer.
Die von Ex-Nationalspieler und Man-Utd-Ass Michael Carrick trainierten Gäste, begleitet von für eine auf Mittwoch terminierte Partie sehr beachtlichen knapp 1.500 Fans, können ihr technisch anspruchsvolleres Spiel nicht aufziehen und schaffen nur den zwischenzeitigen Ausgleich.

Der bekannteste Name auf Seiten der Gastgeber ist wohl der linke Schienenspieler Robbie Brady. Der irische Routinier hatte bei der EM 2016 in Frankreich seinen berühmtesten Auftritt, düpierte zunächst im Gruppenspiel Italiens Gigi Buffon per Kopf um später auch gegen den Turniergastgeber vom Punkt die Boys in Green träumen zu lassen. Er ist auch heute ein Aktivposten seiner Mannschaft, die Tore schießen aber mit dem Dänen Riis und dem Kanadier Millar andere. Mit einer kompakten Mannschaftsleistung bringen die North Enders den Dreier über die Zeit, deren Ablauf einschließlich Extra Time der Zuschauer bequem über die Anzeigetafeln visualisiert bekommt.

Als wir nach Abpfiff mit dem Pulk die Treppen hinabschreiten, vernehmen wir nicht nur zufriedene Gesichter, sondern auch Talk, der schon beseelt-hoffnungsvoller klingt als noch vor der Partie. Der Sieg gegen den namhaften Gegner aus dem Nordosten des Landes sorgt zumindest für den Moment für eine gewisse Euphorie.

Den ersten knappen Kilometer Rückweg Richtung Unterkunft tritt unsere Dreiergruppe per Pedes an. Unüberlegt werden schlammige Pfade durchschritten, die Quittung folgt im wieder erleuchteten Pensionszimmer in Form komplett matschigen Schuhwerks auf dem Fuß. Für den Rest des Weges nehmen wir uns den eindringlichen und gutgemeinten Rat der Locals dann doch zu Herzen und rufen uns für den Abschnitt an zwielichtigen Industriehinterhöfe vorbei eine Uber-Kutsche.

Mit einer angenehmen Nacht im Rücken und dem ersten Full English im Magen geht es am Folgetag weiter gen Norden in Englands nordwestlichste Grafschaft Cumbria, wo uns die spektakuläre und vielseitige Landschaft des Lake District erwartet. Die fantastische Panoramafahrt mit mehreren Zwischenhalten, unter anderem am Lake Windermere, im nahen und malerischen Ambleside führt uns bis an die nach Whitehaven an der Irischen See. Von dort geht es bei widrigsten Sichtbedingungen wieder südwärts in unser Gasthaus am Fuße von Englands höchstem Gipfels, dem Scafell Pike. Das inmitten der Natur gelegene überaus empfehlenswerte Strands Inn beherbergt vornehmlich Wanderer und bietet in seinen Wirtsstuben neben ebenso feiner wie rustikaler, regionaler Küche auch die Erzeugnisse aus der hauseigenen Brauerei und Distillerie an. Wir haben es am Tag selbst gefunden und gebucht und sind von unserer Wahl schwer begeistert. Überwältigt von den in der Gegend gemachten Eindrücken machen wir uns anschließend wieder auf in die industrialisierte Realität des Königreichs, denn für eines ist der Lake District dann eher doch nicht die günstigste Umgebung – Good Ol‘ Football.