Wo die Zeit still steht

Ellenfeldstadion

Wer eine Zeitreise in die Gründungszeit der Bundesliga unternehmen will, kommt um einen Besuch in Neunkirchen nicht drum rum. Dort befindet sich mit dem Ellenfeldstadion bekanntermaßen die noch am ehesten an den einstigen Originalzustand herankommende und bis heute im Spielbetrieb genutzte Wettkampfstätte Deutschlands, in der jemals Erstligafußball gespielt wurde. Aus genau diesem Grund wird sie im Februar 2025 auch unter Denkmalschutz gestellt. Aber es ist bei weitem nicht nur die Architektur des Stadions, die den Trip ins Saarland zu einem besonderen Erlebnis werden lässt.

Die Anfahrt mit der Regionalbahn verläuft derart reibungslos, dass mir gar mehr als die geplanten knapp 2 Std. Zeit bleiben um mir im Vorfeld der Begegnung per ausgiebigem Spaziergang auch einen vernünftigen Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Leicht irritiert nehme ich bereits beim Empfang am Bahnhof zur Kenntnis, dass auch in Neunkirchen das mehrheitliche Interesse heute Abend zeitgleich ausgetragenen Zweitligapartie auf dem rund 50 km weiter östlich gelegenen Betzenberg gilt.
Neunkirchen zählt heute rund 50.000 Einwohner und entspricht gewissermaßen dem Klischee der alten Arbeiter- und Industriestadt. Sie verdankte ihren einstigen Wohlstand der Kohle- und Eisengewinnung, deren Niedergang im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts folglich auch den zunehmenden Bedeutungsverlust der Stadt einläutete, was sie zwischenzeitig gar auf den zweifelhaften Spitzenplatz der deutschen Arbeitslosenstatistik spülte.
Der in etwa halbstündige Fußweg vom Bahnhof zum Stadion führt einem diese verloren gegangene Kultur in Form unzähliger mittlerweile geschlossener Tanzlokale und Arbeiterkneipen mit reichlich Wehmut vor Augen.

Da ich die Zeit (im Vorfeld eingepreist) habe, nehme ich bewusst einen Umweg in Kauf und kehre in einer urigen, authentischen Gastro-Kneipe ein um mich nach guter Stärkung mit einer Handvoll Neunkirchener aufs Spiel einzustimmen. Die Herrschaften sind erst erfreut einen Fremden wie mich anzutreffen und später schwer begeistert, als ich von meinen Beweggründen für meinen Besuch erzähle. Schnell ist man so zu zwei Runden Karlsberg Urpils eingeladen. Anschließend geht’s zusammen ins Elendsfeld, wie mein neuer Bekannter die Spielstätte nach Jahrzehnten des Leids nur noch nennt. Der Gute ist natürlich Kindheitsnachbar eines gewissen Stefan Kuntz, die Welt ist klein im Saarland.

Das Ellenfeld-Stadion selbst ist ein lebendiger Zeuge einer hier irgendwie stehen gebliebenen Zeit und könnte nirgendwo besser hin passen als genau hier her.
Auf der dem Mantes-la-Ville-Platz, wo sich der Parkplatz befindet, zugewandten Hintertorseite spielt sich heute das Gewusel, wenn man davon denn sprechen kann, ab. Das Highlight des Gebäudes, in das gleichermaßen Turnhalle, Geschäftsstelle und Vereinsheim integriert ist und aus dessen Fenster auf der Außenseite die Eintrittskarten verkauft werden, sind zweifellos seine vom „Stadioninnenraum“ aus zugänglichen Toilettenräumlichkeiten. Die Fliesen in rot-schwarzer Mohnblumenoptik sind keine Reminiszenz an die 60er-Jahre, nein, es sind die hier bis heute andauernden 60er-Jahre. Zum Spielfeld hin befinden sich hier wenige, aber für die Kulisse locker ausreichend viele Stehplatzstufen. Und auch der Schwenker, vielleicht sowas wie der Ankerpunkt der Saarländer Seele, steht hier. Dass die Bratwurst in diesem Ambiente vorzüglich mundet, überrascht nicht.
Auf den Rängen der stilecht schwarz-weiß gestrichenen Ecktribüne links nebenan sorgt eine kleine Gruppe stellenweise für aktiven Support und Szene-Optik. Bei genauerem Hinschauen ist festzustellen, dass es sich um einen Haufen aus Saarbrücken handelt, in der guten Gesellschaft einer Autoladung Nancy-Fans. Die alte innersaarländische Rivalität hat nicht bis in die heutige Zeit überdauert. Seiner Leidenschaft – oder ist es vielmehr Bestimmung? – ab und zu auch in dieser Umgebung, die jemandem, der regelmäßig mit einem Profiverein unterwegs ist, nahezu unwirklich erscheint, frönen zu können, ist ein Privileg, für das man über alte Gräben hinwegsehen kann. Ganz besonders an einem warmen Freitagabend im August.
Und so scheint wirklich jeder Anwesende diesem schlafenden Riesen Borussia Neunkirchen – ja, zumindest innerhalb der sechstklassigen Saarlandliga ist er das noch – nur gutes zu wünschen.
Natürlich kann da der Traditionalist in mir nicht widerstehen den optisch gelungenen Seidenschal zu erstehen. Den gibt es nur auf gezielte Nachfrage bei einem Mann, der in Personalunion vorm Spiel die Eintrittskarten am Schalter verkauft, während des Spiels den wenigen Pöblern und Unruhestiftern als Ordnungsdienst die Leviten liest. Das Tattoo auf seiner Wade vervollständigt dann auch noch die heute neu erlangten Kenntnisse über die Fanbündnisse dieser Welt, prangt da doch tatsächlich das Emblem des FC Rouen – dem derzeit drittklassigen Traditionsverein aus der Normandie –, der freundschaftliche Kontakte nach Nancy unterhält. Im Gespräch stellt sich weiter heraus, dass es der Herr sich nicht nehmen lässt, mehrmals in der Saison im Stade Robert Diochon zugegen zu sein. So erstreckt sich dieser Bund also nicht nur, wie hinlänglich bekannt, vom Saarland ins angrenzende Lothringen, sondern gar bis an den Ärmelkanal.

Ein anderer, gemäßigter Teil aus der treuen, aber eben über Jahrzehnte hin leidgeprüften Anhängerschaft steht einem möglichen, externen Geldgeber inzwischen grundsätzlich gesprächsbereit gegenüber. Setzt man sich mit der Situation hier etwas auseinander, kann man das nachvollziehen, selbst wenn man noch so fest der fußballromantischen Ideologie verhaftet ist. Denn wo sich andernorts die Fans schon bei einem achterbahnartigen Verlauf der Gefühlslagen und Ligazugehörigkeiten die Haare raufen, sehnt man sich bei Borussia nach jedem noch so kleinen Zwischenerfolg: seit man das deutsche Oberhaus letztmalig verlassen musste, schlagen fünf Abstiege zu Buche, denen kein einziger Aufstieg entgegensteht.
Zudem ist die Haltung auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass über den Hügel hinter der legendären, aber wegen Baufälligkeit gesperrten, Spieser Kurve die finanziell gespritzte SV Elversberg mittlerweile in der 2. Bundesliga angekommen ist und dem Anschein nach selbst dort noch nicht das Ende ihres Potenzials erreicht hat. So kommt es, dass den besten Fußball, der regelmäßig im Ellenfeldstadion geboten wird, vermutlich gar nicht mehr die Borussia selbst spielt – die U19 der SVE trägt ihre Heimspiele inzwischen ebenfalls hier aus.
Auf dem Spielfeld ist das nämlich äußerst dünn, was die elf Borussen und ihre Widersacher aus der Landeshauptstadt darbieten. Ein Spiel, das quasi gänzlich ohne spielerisch Höhepunkte auskommt und trotz des bis zum Schluss völlig offenen Ausgangs keine Spannung ausstrahlt.

Der Rückweg zum Bahnhof bei einsetzender Dunkelheit bleibt mir erspart, werde ich doch von einem meiner neuen Freunde kurzerhand mit dem Auto dorthin gebracht – so reicht die Zeit noch für ein Pilschen mehr. In Zwischenzeit habe ich es mir selbstverständlich nicht nehmen lassen, den Herrschaften ebenfalls eine Runde zu spendieren und ihnen für die außergewöhnliche Gastfreundlichkeit zu danken. So kommt eins zum anderen und ich fahre mit der Regionalbahn weitaus angetrunkener zurück als erwartet. Ausflüge ins Saarland sind eben anders.