Alles Wahnwitzek

RheinEnergieStadion

Dass sich ein Spiel mit dem Stammverein dafür qualifiziert, ihm einen Beitrag zu widmen, stellt in einer Veröffentlichungsreihe, die sich schwerpunktmäßig dem Groundhopping verschreibt, die Ausnahme dar. Paradoxerweise entsteht der Bericht aber auch genau deshalb, denn wie sonst hätte ich die Wendungen, die dieses Spiel unvergesslich machen werden, in vollem Ausmaß emotional durchleben können?

Stadionatmosphäre

Der Umlauf des Stadions im Stadtteil Müngersdorf – ich habe mich von der Verwendung des alten Namen abgesehen, da mir dieser zu sehr mit der ehemaligen Spielstätte des FC verbunden ist – ist von angenehm viel Grünfläche umgeben, auf der schon Stunden vor dem Spiel viel Betrieb ist. So viel, dass viele Grillstände stark teigwarenunterversorgt sind und den Hungrigen und Ungeduldigen die Wurst nur nackt auf die Hand anbieten können.

Dieser Umstand kann die Laune bei bestem Septemberwetter und einer schon spaßigen Hinfahrt nicht trüben. Vor dem Spiel herrscht ein freundliches Treiben rund ums Stadion, man witzelt auch über die eigenen Farben hinweg, so etwas wie Fantrennung ist nicht nötig.

An- und Abreise

Anfahrt zum Stadion und das Parken auf dem Gästeparkplatz funktioniert einwandfrei. Wir sind frühzeitig, rund zwei Stunden vor Anpfiff an Ort und Stelle. Ganz anders ergeht es dem KSC-Tross, der im Stau auf der Aachener Straße feststeckt. Nachdem Eiches Idee mit den restlichen Weg mit der Straßenbahn zu bewältigen keine Mehrheit findet, entschließt man sich kurzerhand den letzten Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Leider erleben wir das skurrile Szenario im Gegensatz zu vielen anderen Besuchern nicht selbst mit.

Platzwahl und Kartenbeschaffung

Die Karten werden wie üblich im Online-Mitgliedervorverkauf des KSC bezogen, aber auch das ist ein Hauen und Stechen, denn nach nur wenigen Minuten sind alle 5.000 Karten restlos vergriffen. Schon Wochen vorher ist klar, dass es sich um das begehrteste Spiel der Saison handelt. Wer sich nicht rechtzeitig, ergo einige Zeit vor dem eigentlichen Verkaufsstart bereits im Shop befindet bzw. zumindest weit genug vorne in der Warteschlange einreiht, geht leer aus.

Block O11 wird gegen Vereine mit weniger Auswärtsfahrern – wie etwa in Liga 1 ;)) – als Heimblock genutzt, der Zugang erfolgt über den Heimbereich, eine Fantrennung gibt es nicht und ist auch nicht notwendig. Normalo-Fans beider Lager haben vor wenigen Jahren in der Kölner Innenstadt gemeinsam den DFB-Pokal-Achtelfinaleinzug gefeiert. Während der KSC am frühen Abend einen sensationellen 2:1-Auswärtscoup in Leverkusen gelandet hatte, entsorgten die Domstädter anschließend auswärts den badischen Erzfeind. Beide Klubs pflegen eh schon reichlich Rivalitäten, da muss das hier nicht unbedingt zu einer weiteren Animosität aufgebauscht werden. Mit den Anti-FC-Schmähgesängen gleich zu Spielbeginn verfehlen die Ultras KA daher leider das Thema.

Verpflegung- und Versorgung

Da der Text erst über ein halbes Jahr später entsteht und der Genuss einiger Kölsch die Erinnerung teils hat verblassen lassen, (zu einem anderen Teil aber auch glorifiziert hat,) fällt die Rekapitulation für diese Rubrik einigermaßen schwer. Eingebrannt ins Gedächtnis haben sich jedoch zwei Dinge.
Zum einen, dass der Kölner Caterer Döner anbietet und sich der Kollege bei dessen Verzehr entsprechend eingesaut hat. Ich sehe mich darin bestätigt, vom Verzehr dieser fürs Stadion eher weniger passenden wie geeigneten Speis Abstand gehalten zu haben.
Zum zweiten sind es die Maßbecher, in denen der FC sein Gebräu verkauft. Auch hiervon lasse ich mich nicht locken, ist für mich i. d. R. schon das letzte Drittel aus dem Halbliter-Plastikbecher nur bedingt mit Genuss verbunden. Der Kölsche Jeck unserer Vierer-Reisegruppe lässt sich in seiner zwischenzeitlichen Ekstase zum XXL-Kölsch hinreißen, nichtsahnend, dass es ihm schon bald vergehen wird.

Die neunzig Minuten

Während der FC als einer der großen Aufstiegsanwärter der Liga einen Stotterstart hingelegt hat und sich im Tabellenmittelfeld wiederfindet, grüßt der KSC aus der Spitzengruppe, punktemäßig gar gleichauf mit Platz eins. Entsprechend euphorisch ist die Stimmung im Lager der Gäste, die Mannschaft hat immer wieder bewiesen, dass sie ein Mentalitätsmonster ist und hat schon in der Frühphase der Saison in mehreren Spielen Rückstände aufgeholt und gedreht.

Heute jedoch scheint die Truppe sich von der unplanmäßigen Spielvorbereitung etwas aus dem Konzept gebracht haben zu lassen, Teile der Mannschaft sind zu Beginn der Partie nicht auf der Höhe. Der FC macht in der Anfangsphase kurzen Prozess, nutzt die viel zu großen Abstände in der neuformierten Karlsruher Hintermannschaft eiskalt aus und stellt innerhalb der ersten Viertelstunden mit drei Stürmertoren auf 3:0. Alle drei Torvorlagen stammen aus der Feder von Linksverteidiger Paqarada. Es reicht gerade so, dass die Stadionregie „et Trömmelche“ jeweils zu Ende spielen kann, da kleppert es schon wieder.
Auflösungserscheinungen in der Defensive, die KSC-Offensive spielt davon unbeirrt und mit ordentlich Zug weiter. Beim FC macht sich unterdessen Bruder Leichtfuß breit und die Intensität lässt etwas nach. Knappe 10 Minuten ist der komfortable Vorsprung passé, KSC-Kapitän Wanitzek hat mit zwei schönen Treffern auf 3:2 verkürzt.
Den Ausgleich noch vor der Pause verhindert bei Schleuseners Kopfball die Querlatte, kurz darauf stellt Lemperle mit dem Pausenpfiff auf 4:2 und scheint das Momentum damit wieder auf die Seite der Gastgeber zu ziehen.
Mein Nebensitzer lässt sich davon nicht blenden, der Kölner Auftritt überzeugt ihn nicht trotz vier Toren in einer Halbzeit nicht, er wagt die Prognose, dass wir dieses Spiel nicht verlieren werden.

Als die Mannschaften wieder aufs Feld kommen, geht es mit dem Spektakel gerade so weiter. Käpt’n Wanne hat die Kollegen in der Pause nicht nur wachgerüttelt, er braucht nur zehn Minuten um mit zwei weiteren Scorern den Gleichstand herzustellen.
Einige Minuten schallt es in eindrucksvoller KSC Olé Olé Lautstärke durchs ansonsten verstummte Kölner Schmuckkästchen. Alles wieder pari, beide Teams scheinen jetzt erst mal in sich gehen zu müssen, wie denn das weitere Vorgehen aussehen soll. Weiter offenes Visier, vorne draufgehen? Wie lange kann das Super-Team aus Baden den Powerfußball noch gehen, bevor es der Erschöpfung Tribut zollen muss. Aber so wie der Ziegenbock gerade wankt, da muss man das Ding jetzt doch eigentlich versuchen komplett zu kippen.

Die Partie geht zu Ende ohne einen Sieger zu finden, die letzten dreißig Minuten gehen vergleichsweise ereignislos über die Bühne. Der Sieger ist aber eindeutig diese großartige zweite Liga, für die wieder einmal beste Werbung gemacht worden ist.

Kombiniert mit!?

Nix. Danach ging’s heim, freudetrunken, und doch nicht hundertprozentig zufrieden. Mit dem Gefühl, dass wir nicht zu schlagen sind und im Bewusstsein, ein sehr besonderes Spiel erlebt zu haben.