Diamantenderby

Olympisch Stadion Antwerpen

Wenn man im Grunde neutral zu einem Spiel geht und danach ob des Ergebnisses massiv unzufrieden mit sich und der Welt ist, dann hat man entweder ereignislose 90 Minuten auf einem ausbaulosen Kunstrasenplatz verbracht oder aber seine Hopperlaufbahn um eine bemerkenswerte Erfahrung bereichert. Hier war es letzteres. Das Derby van ‚t Stad zieht uns in seinen Bann. Auch wenn man normalerweise ja von Natur aus eher zum Underdog hält, ist nicht abzusehen, mit welcher Vehemenz ich später auf den Rängen Partei ergreifen werde.

Anreise

In der Hoffnung einen kostenfreien Parkplatz in den Wohngebieten in Stadionnähe ergattern zu können reisen wir einigermaßen frühzeitig mit dem Pkw an.
Auf den letzten Metern spielen sich chaotische Szenen ab, die eher südeuropäisch anmuten. Weil die Polizei einen Hausbesuch abhält, blockiert sie mal eben eine gute Viertelstunde die links wie rechts beparkte Einbahnstraße. Hinter uns wird die Schlange minütlich länger, ein Zurück gibt’s nicht – rien na va plus. Während wir das in ein stattliches Hupkonzert übergehende Schauspiel weitgehend als Amusement auffassen, reißt der Verkehrsteilnehmerin hinter uns der Geduldsfaden. Nachdem sie ihren Wagen verlässt und die am Einsatzfahrzeug anzutreffenden Gesetzeshüter zur Rede gestellt hat, entfernt sie sich gänzlich vom Ort des Geschehens. Ergebnis dessen ist, dass außer uns – die wir nach Weiterfahrt der Gendarmerie unsere hierdurch entstandene Pole Position einskalt ausnutzen und nur vier, fünf Autolängen weiter noch in eben dieser Kampioenstraat unseren Parkplatz des Tages finden – im Anschluss keiner mehr vorwärts wie rückwärts kommt. Auflösung offen, wir machen uns derweil gut unterhalten und unserem Hörsinn folgend auf in Richtung Stadion.

Stadion und Atmosphäre

Der kurze Weg zum Stadion ist gesäumt von in violett gehüllten Bars und Gasthäusern, Rauchbomben derselben Color machen den optischen Gesamteindruck im Viertel vollkommen.
Die Banner der Hausherren drücken auf martialische Weise und mit klaren Worten – in etwa „Upper Class Scum“ ist da zu lesen – die Abneigung den heutigen Gästen gegenüber aus. Man ist stolz die Unterschicht zu verkörpern und stilisiert das Spiel zur Schlacht um Belgiens größte Stadt herauf.
Das heutige Derby gewinnt zusätzlich dadurch an Bedeutung, als dass es in dieser Spielzeit zum ersten Mal seit drei Jahren wieder ausgetragen wird und wegen Beerschots besorgniserregender sportlicher Lage auch nicht absehbar ist, wann es zum nächste Aufeinandertreffen kommen könnte.
Wenn schon Abstieg, dann wenigstens die Nr. 1 in der Stadt und den Skalp des Erzfeinds in der Hand, so kompromisslos scheinen die harten Jungs heute gepolt. Schon im Hinspiel sorgten sie für landesweites Aufsehen. In dem Moment, als aus der sich abzeichnenden Niederlage eine sportlich unabwendbare wurde, führte man wie bereits im Vorfeld der Partie angekündigt erst eine Spielunterbrechung und 15 Minuten vor Abpfiff schließlich den Spielabbruch herbei.
Eine solch bedingungslose und fanatische Unterstützung ist nicht unbedingt selbstverständlich, wenn man in Betracht zieht, dass der heutige Klub nach Insolvenz des Vorgänger- und bereits damals schon Fusionsvereins erst 2013 neu gegründet wurde, erst seit 2019 seinen aktuellen Namen trägt und sich inzwischen gar in Besitz des saudischen Prinzen befindet. Die Gefolgschaft sieht über diesen Mangel an Kontinuität hinweg und weiterhin den Verein, der in den Zwischenkriegsjahren der erfolgreichste Verein Belgiens war.

Genau an den Anfang eben jener Hochzeit fällt der Bau des Olympisch Stadion, erbaut für die 1920 in Antwerpen gastierenden Weltspiele. Seinen zeitgenössischen Besucher stellt es derweil vor die Frage, was an diesem Teil nun olympisch sein soll. Von einer Laufbahn keine Spur, nicht mal im entferntesten Anzeichen, die darauf hindeuten, dass hier mal ein olympisches Oval gestanden hat, das obendrein Platz für bis zu 40.000 Zuschauer bot. Diverse Um- und Rückbaumaßnahmen haben heute ein 12.000 Besucher fassendes, reines Fußballstadion geschaffen, das ohne größere Erkennungsmerkmale daherkommt.

Und Achtung, Täuschungsgefahr! Die im unmittelbaren Dunstkreis des Stadiongeländes rege verteilten Aufkleber „Beerschot – Kiel“ scheinen auf den ersten Blick auf eine Allianz ins Lager des nördlichsten jemals gekrönten Deutschen Meister hinzudeuten, weisen aber lediglich auf den Standort der umgangssprachlich auch Kielstadion genannten Spielstätte hin.

Platzwahl und Kartenbeschaffung

Als Beerschot am Montag vor dem Spiel publik macht, die Genehmigung der örtlichen Behörden bekommen zu haben die an den Gästeblock angrenzenden Tribünenbereich ebenfalls in den Verkauf geben zu dürfen, stehen wir schon in den Startlöchern. Zwei Karten, gelegen genau zwischen Beerschots Vak I und den Gästefans, bieten zwar nicht die beste Sicht, aber dafür das Gefühl, sich im Epizentrum dieses Konflikts zu befinden.

Verpflegung und Versorgung

Zu meinem Favoriten der belgischen Stadion-Kulinarik gemausert hat sich der sog. Mexicano. Eine flache, aber sehr flächige, frikadellenähnliche Fleischeinlage von beachtlicher Schärfe im Baguettebrötchen, wahlweise – also mir – gereicht mit gedünsteten Zwiebeln sowie Sauce Andalouse.

Die neunzig Minuten

Der Rasen befindet sich in einem bemitleidenswerten Zustand, die Fünfmeterräume verwandeln sich im Verlauf des Spiels zu tiefen Schlammgruben. Hierzulande wäre der Anstoß einer Partie der nationalen Eliteklasse auf einem solchen Geläuf undenkbar gewesen, in Belgien läuft das glücklicherweise aber anders.
Zu unserer Freude hat Coach Dirk Kuijt seine Truppe genau so heiß gemacht wie er sich früher selbst einem Duracell-Männchen ähnelnd über den Rasen arbeitete.
Kaum ist das Spiel angepfiffen, steht es 1:0 – Spielführer Thibault Verlinden nutzt die erste sich bietende Halbchance zur Führung und zündet die aufgeheizte Stimmung im Publikum vollends an. Alle sind sich einig, genau diesen Start hat man gebraucht. Auch die Szene, sie räuchert das Stadion umgehend in lila-weißer Farbe ein, punktuell garniert mit einigen Leuchtraketen. Die Gäste lassen sich nicht lumpen und kontern mit einem roten Pyroexzess. Dem Unparteiischen bleibt keine andere Wahl als die Partie bereits in ihrer Frühphase zu unterbrechen und auf das Abziehen der Rauchschwaden zu warten.

Mitte der 1. Hälfte klatscht ein Heber an den Pfosten, wegen eines Fouls des nachsetzenden RAFC-Abwehrspielers bekommt Beerschot einen Strafstoß zugesprochen. Warum man diesen den ausgerechnet einzigen auf dem Platz befindlichen Briten schießen lässt, bleibt ein Geheimnis. Konsequenterweise vergibt Henderson vom Punkt und die Chance mit einer komfortablen Führung in die Halbzeitpause zu gehen.

Zeitsprung! Den restlichen Spielverlauf gibt’s direkt retrospektiv eingeordnet: Wenn ein abgeschlagener Tabellenletzter den Europapokalteilnehmer über die Dauer des kompletten Spiel dominiert und phasenweise einschnürt, ist das bemerkenswert und unterstreicht, dass heute keine gewöhnliche Ligabegegnung gespielt, sondern Belgiens emotional aufgeladenstes Stadtderby ausgefochten wird. Kuijts Mannen holen alles raus, was die limitierten fußballerischen Mittel hergeben und sich durch Lauf- und Einsatzbereitschaft oben draufpacken lässt.
Tragisch wird das dann, wenn dabei ein Elfmeter vergeben, zwei Tore knapp, aber berechtigterweise aberkannt und auch in den Schlussminuten Großchancen auf der Linie und vom Querbalken vereitelt werden, dem Gegner dagegen ein eigentlich harmlos getretener, aber verheerend abgefälschter Freistoß reicht, um unterm Strich auf dieselbe Torausbeute zu kommen. Fußball ist nicht gerecht.

Selten habe ich eine Mannschaft erlebt, die so verstanden hat, worauf es in einem Derby ankommt und dieses auch dementsprechend annimmt. Und eine derartig symbiotische Verbindung zwischen Mannschaft und Fans: hier und heute sind „Feuer entfachen“, „Tribüne mitnehmen“ und „nach vorne peitschen“ keine Floskeln, sondern die treffende Zusammenfassung dieser 90+10 Minuten der Lilafarbenen. Gleichwohl der Punkt zum Überleben zu wenig ist, beweisen die Fans der Gastgeber ihr Fingerspitzengefühl und quittieren nach Schlusspfiff die Leistung ihrer Helden mit stehenden Ovationen.

Gästekapitän und Altinternationaler Toby Alderweireld ist ebenfalls ein Protagonist des Derbys und der Lieblingsfeind der Heimfans. Der über hundertmalige Nationalspieler durchlief bis zu seinem Wechsel zu Ajax die Jugend des Vorgängerklubs Germinal Beerschot. Dass er inzwischen die Seiten gewechselt und den Erzrivalen eineinhalb Jahre zuvor gar spektakulär zum Meisterschaft geschossen hat, qualifiziert ihn bestens zur Judasfigur. Jeder einzelne seiner Ballkontakte ist von einem gellenden Pfeifkonzert begleitet; misslingt ihm eine Aktion, folgt die Häme auf dem Fuße. Wenn sich selbst ein Veteran wie der langjährige Spurs-Verteidiger von der giftigen Atmosphäre und den ekligen Gegenspielern mehr und mehr aus dem Konzept bringen lässt und eine wirklich schlechte Partie abliefert, dann kommt auch darin die Energie zum Ausdruck, die bei dieser Austragung des Derby van ‚t Stad zu jeder Zeit in der Luft liegt. Besonders Alderweireld sieht man nach Schlusspfiff die Erleichterung an, dass der ins Wanken geratene Favorit mit zwei blauen Augen davon gekommen und der Schmach, im Derby versagt zu haben, entgangen ist.
Auf Charaktere wie ihn kommt es an. Sie sind es, die mit ihren Geschichten erst das Salz in die Derby-Suppe streuen und dessen spezielle Bedeutung auf den Platz tragen.

Rahmenprogramm

Das Spiel am Sonntagmittag stellt den Höhepunkt und Anlass für die zweite Tour nach Belgien binnen zweieinhalb Wochen dar. Für den Vortag kann meine Begleiterin telefonisch über den Heimverein Karten für das am späten Abend stattfindende Eredivisie-Topspiel zwischen der PSV Eindhoven und AZ ergattern, das wir mit der nahegelegenen Zweitligapartie Helmond gegen Emmen doppeln wollen. Warum dieses Spiel kurzfristig und trotz Kunstrasen abgesagt wird, bleibt ein Rätsel und uns die Bekanntschaft des alten Stadion De Braak somit bis zuletzt verwehrt. Dies in Kombination mit den Platzverhältnissen, die wir tags darauf in Antwerpen vorfinden, bringen den Unterschied zwischen Belgien und den Niederlanden auf den Punkt und bestätigen mich auch ganz persönlich in meiner klaren Vorliebe für das südlichere der beiden Nachbarländer.
Nach diesem Downer lassen wir uns in den gut gefüllten Kneipen der Eindhovener Fußgängerzonen von der guten Stimmung der PSV-Fans anstecken. Die Gastgeber sind Tabellenführer und auf Kurs Titelverteidigung. Beim Betreten des Philips-Stadions folgt allerdings schon die nächste Enttäuschung, als uns klar wird, dass der Gast aus Alkmaar ohne seinen Anhang auskommen muss. Da hilft auch die spektakuläre Eröffnungs-Lichtshow nichts.
Während das Spiel sportlich wie erwartet technisch hochwertig und sich beide Teams hollandtypisch mit offenem Visier begegnen, bleiben speziell die PSV-Fans, die weder optisch noch akustisch Akzente setzen können, blass. Mit einem späten Elfmetertor verhindert Doppelpacker Luuk de Jong letztlich einen Auswärtscoup der Gäste aus dem Nordwesten, der nicht einmal unverdient gewesen wäre.