Stade du Sclessin «Maurice Dufrasne», Liège
Dreckig. Aber geil dreckig!
Eckdaten der Begegnung
Stade Maurice Dufrasne, Liège-Sclessin
Royal Standard Club de Liège – KRC Genk
1:2
Fr., 14. Jan. 2025 20:45 Uhr
26. Spieltag, Pro League
20.621 Zuschauer
22,- EUR Sitzplatzkarte Oberrang Ecke (2. Karte aber nur 5,- wg. Valentinstagsaktion)
Mit der Promo-Aktion die zweite Karte für ’nen schmalen Fünfer anzubieten – St. Valentin sei Dank! – erleichtert uns die Marketing-Abteilung von Standard Lüttich die Entscheidung uns diesen Belgien-Kracher in den Plan fürs Wochenende zu nehmen.
Auf dem Hinweg noch mit dem letzten Tageslicht gemütliche Ardennenstädtchen durchfahren kommen wir bei Dunkelheit im Lütticher Industrie-Stadtteil Sclessin an. Eins sei vorweg genommen, die Großstadt im belgischen Osten ist keine Schönheit und nicht vergleichbar mit den sehenswerten Städten im Westen des Landes. Ein Vormittag wie bei uns reicht für eine Innenstadterkundung und zum Erklimmen der berühmten Montagne de Bueren, einer aufgrund ihrer schieren Größe von fast vierhundert Stufen wahrlich schwer beeindruckenden Treppe, aus.
Die Wallonie als ganzes hat ihre besten Zeiten lange hinter sich gelassen. Groß geworden mit der Industrialisierung als eines der ersten großen Tagebaureviere überhaupt war ihr Schicksal an das der Kohle geknüpft.
Deren Niedergang schickte die Region in einen Abwärtstrend, dem sie bisher heute nicht entkommen ist und der inzwischen zu einem Gefälle zwischen dem flämischsprachigen und französischsprachigen Teil geführt hat, der alarmierend ist und die vergleichsweise junge belgische Nation vor eine Zerreißprobe stellt.
Das einst bäuerliche Flandern hat den Wandel zum Dienstleistungsgewerbe erfolgreich geschafft, die vormals in Belgien tonangebende Wallonie ist mittlerweile rückständig, strukturschwach. Löhne und Gehälter liegen hier deutlich unter dem Schnitt, die Perspektivlosigkeit treibt die jungen Leute in den flämischsprachigen Norden, was die ohnehin prekäre Situation in gekippten Städten wie Charleroi zusätzlich verschärft.
Zwar ist Lüttich so etwas wie der Hoffnungsschimmer am wallonischen Himmel, der raue Stadtteil Sclessin erfüllt aber dennoch das Klischee einer solchen Umgebung.
Für Kommunal- und Regionalpolitiker eine Situation zum Kopfzerbrechen, für den abenteuerlustigen Fussballtouristen eine großartige Sache!
Auch in Belgien herrscht derweil absolutes Winterjackenwetter.
Darauf hilft nur fettige Kost. Wie gerufen kommt da der Routier, den ich mir in dem Fast-Food-Laden im Stadionumfeld schnappe. Ein Routier, das ist Fleisch, Fritten und Fladen, und vor allem nicht zu wenig. Dazu die Qual der Wahl an Soßen und das alles für ’nen unschlagbaren Preis von 7,- Euro. Ich bin babbsatt, innerlich wieder richtig aufgewärmt und vor allem glücklich. Belgien ist und bleibt Westeuropas Epizentrum deftigen Essens! Anschließend darf in der Kneipe nebenan auch das obligatorisch Starkbier nicht fehlen. Meinen Favoriten, das Tripel Karmeliet, gibt’s natürlich stilecht im bauchigen Glas, denn nur so kommt das Aroma zur Entfaltung! Ich bin ja überzeugt davon, dass das belgische Abdijbier in Deutschland auch deshalb einen so schwierigen Stand hat, weil die Landsmänner nicht verstehen, dass es mehr wie Wein anstatt Bier zu trinken ist. Mein hier und heute Neuland betretender Begleiter jedenfalls äußert, die Erfahrung nicht missen zu wollen – immerhin!
Auch den weiteren Weg Richtung Stadion säumen hochfrequentierte Bierstände und vor allen Dingen Fressbuden. Gäbe es nur ein Drittel davon an deutschen Standorten, ich müsste mir definitiv ernsthafte Gedanken um Ernährung und Gesundheit machen.
Das Stade Maurice Dufrasne ist ein in seiner Architektur zweifellos einmaliges Stadion. Asymmetrisch und teils dreirängig, eine freistehende Gegentribüne, in die Ecke neben dem Gästeblock ragt gefühlt die unmittelbar vorbeilaufende Schnellstraße hinein, so könnte man meinen. Die zuletzt zur Euro 2000 so richtig, aber eben seitdem auch nicht mehr so wirklich auf Vordermann gebrachte Bude weiß in jeder Hinsicht zu überzeugen. Sie verbindet ein zeitlos-modernes und in seiner Gesamtform architektonisch einzigartiges Design, gegebene sportlich-historische Relevanz und das rechte Maß an Gammelfaktor.
„Liberté pour les Ultras“ fordert die Heimszene vor Anpfiff und nimmt sich diese mit dem Einmarsch der Mannschaften umgehend raus. Die Pyro-Show der Liègeois ist nicht von schlechten Eltern und macht dem Stadion-Beinamen „Chaudron du Sclessin“, der nicht weniger als die Hölle von Sclessin bedeutet, alle Ehre.
Auch der Gästeanhang aus dem nahen Limburg hat richtig Bock auf dieses Highlightspiel und lässt sich nicht lumpen. Die schwarze Horde feuert ebenfalls und überzeugt daneben mit einer guten Menge und Auswahl an Fahnen. Dem fulminanten Feuerwerk der Gastgeber können sie aber nicht die Stirn bieten, sie entgegnen ihm mit massivem, aber ebenso stumpfem Rauch.
Der Fussballgott spielt heute leider nicht mit, der Spielverlauf begünstigt die vom Tabellenstand ohnehin favorisierten Flamen, die in Halbzeit eins klar überlegen sind und in Führung gehen.
Dennoch, die Spannung in der Luft, sie ist mehr als greifbar, das Stadion wartet sehnlichst auf den Ausgleich, um endlich explodieren zu können. Es herrschen keine Zweifel daran, dass sobald der fällt, das Spiel mitsamt der Wucht von den Rängen komplett gedreht würde.
Aber da die Gastgeber viele Umschalt- und auch Abschlussmöglichkeiten nicht verwertet kriegen, geht es für Standard mit einem Zwei-Tore-Rückstand in die knapp 10-minütige Nachspielzeit.
Zu deren Ende kann zwar per Strafstoß noch auf 1:2 verkürzt werden, der Ausgleich gelingt jedoch nicht mehr.





