Bei Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts durchstreifen wir das facettenreiche bulgarische Hinterland.
Wir sind der Ansicht erst dann davon sprechen zu können, in einem Land gewesen zu sein, wenn man mehr als nur dessen Hauptstadt erkundet hat. Nach unserem Freitags-Doppler in Bistritsa und bei Levski besuchen wir daher keines der am Samstag in Sofia stattfindenden Spiele, sondern treten mit einem Vorrat an Banitsa versorgt die Fahrt quer durchs Balkangebirge in die nördlich gelegene Oblast Montana an. Tagesziel ist deren gleichnamige Hauptstadt, wo der ortsansässige Zweitligist heute Dunav Ruse empfängt.
Für den Hinweg haben wir uns die Strecke entlang des Iskar-Laufs ausgesucht, der landschaftlich reizvolle Abschnitte bereitzuhalten scheint. Die erste Entdeckung ist allerdings ganz anderer Art, als wir belustigt feststellen, dass es hier offenbar salonfähig ist, in gut einsehbaren Parkbuchten am Straßenrand auf einem Klappstuhl Platz nehmend und Zigarette rauchend seine Notdurft zu verrichten.
Wie schon am Vortag spielt die Sonne mit und, nachdem wir also die ersten Eindrücke des ländlichen Bulgariens haben sammeln können, kehren wir schon zur Vormittagszeit in einem sehr szenisch gelegenen Biergarten am Ortseingang von Tserovo ein. Die tolle Aussicht lässt auch bei unserer vierköpfigen Reisegruppe keine zwei Meinungen zu, beim Studieren der natürlich ausschließlich in kyrillischer Schrift gehaltenen Karte und Kreidetafel stoßen wir allerdings an unsere Grenzen. Auch Google Lens ist hier nur bedingt eine Hilfe und liefert mindestens so viele fragwürdige wie plausible Übersetzungen ab. Von einer Bestellung des „Kleinen Jungen“ und den „Pillenschlampen“ sehen wir ab, bei der „Füllspindel“ dagegen probieren wir unser Glück. Die weitere Verständigung mit den beiden Damen in der Grillhütte funktioniert mit Hand und Fuß und so genehmigen wir uns hier für einen sensationell schmalen Lev eine reichhaltige Auswahl an köstlichen Fleischspezialitäten und einfachen aber schmackhaften Beilagen.
Nächster Etappenpunkt ist die Lakatnik-Felsformation, von wo aus wir das hier nach Osten abzweigende Iskartal verlassen und unsere Fahrt in Richtung Norden über die Serpentinenstraße fortsetzen. Der weitere Streckenabschnitt durch hoch gelegenes, aber eintöniges Plateau ist weniger sehenswert und zieht sich wie Kaugummi. Wir sind froh, als wir Montana erreichen.
Da unser Mittagessen denkbar opulent ausgefallen und noch nicht allzu lang her ist und wir außerdem nicht einfach die erstbeste Möglichkeit zur Stärkung wählen wollen, verzichten wir auf die Fleischküchle vom auf dem Parkplatz vorm Stadion abgestellten Grillwagen. Der wird ja zumindest bis zum Anpfiff noch offen haben! Wir haben nämlich noch Zeit und wollen erst etwas die Stadt ansehen, bevor es zum Spiel geht. Mit klassischem Sightseeing hat das in Montana allerdings nichts zu tun, sondern taugt viel mehr dazu sich ein ungeschöntes Bild davon machen zu können, wie weit weg dieser vergessene Teil der EU von deren Kernländern ist. Ich greife vorweg: sehr weit. In den typisch sozialistisch rasterförmig angelegten Wohngebieten bieten sich mitunter dystopisch anmutende Eindrücke. Verwahrloste Vorgärten und Gebäude, die auch der Laie unschwer als einsturzgefährdet einzustufen vermag. Außerdem unzählige, streunende und in bemitleidenswerter körperlicher Verfassung befindliche Vierbeiner sowie durchgerostete oder ausgeschlachtete Fünftürer. Die winterlich-karge Vegetation und die flachstehende Sonne setzen all dies filmreif in Szene. Zukunft sieht anders aus, eine abgehängte Region, die ihrer Jugend kaum Perspektive bieten kann und sie in Spiel- und Alkoholsucht oder gar aus dem Land treibt.
Stadion Ogosta, Montana
Eckdaten der Begegnung
Stadion Ogosta, Montana
PFK Montana – Dunav Ruse
2:2
Sa., 22. Feb. 2025 14:30 Uhr
23. Spieltag, Vtora Liga
ca. 300 Zuschauer
Als wir etwa dreißig Minuten vor Anpfiff zurückkehren, gucken wir in die Röhre, denn der Stand hat geschlossen. Dies fragenden Blickes zur Kenntnis nehmend setzen wir unsere Hoffnungen ins Essensangebot des PFK Montana. Hoffnungen, die nur kurz währen, denn zu unserer Enttäuschung stellen wir fest, dass es im Stadion selbst keine Verpflegung gibt bzw. diese denjenigen Besuchern vorenthalten ist, denen der Zutritt zum Speiseraum im Klubheim unterhalb der Haupttribüne gestattet ist. Bei Minustemperaturen im mittleren einstelligen Bereich wäre uns jede Form einer Stärkung sehr recht gewesen, ja schon die klare Suppe hätten wir mit Kusshand genommen.
Der Ground selbst ist eine Zusammensetzung aus zwei Beton- und diversen freistehenden und mit blauen Sitzschalen versehenen Tribünenan- und -aufbauten, die in Summe ein Fassungsvermögen von 8.000 Plätzen ergeben, was fürs Mittelfeld der zweitklassigen Vtora Liga reicht. Wie üblich prangt auf allen Banden der immerhin jeweils in den Farben des heimischen Klubs gehaltene Schriftzug des in Bulgarien allgegenwärtigen Wettanbieters efbet, dem Hauptsponsor der ersten beiden Ligen. Der viele, hier im Gegensatz zu den im Laufe des Tages durchfahrenen Gebieten, noch liegende Schnee und die Anzeigetafel in bestem Ostblock-Style runden den optischen Eindruck ab.
Die Partie des Tages erweist sich als überraschend unterhaltsam. Aufgrund des sich zeitgleich ereignenden und krisenbeendenden 3:1-Heimsiegs im Wildparkstadion ist unsere Laune ohnehin schon gut und besonders der zu Ausflügen weit aus seinem Sechzehner heraus neigende Gästetorhüter weiß diese noch zu steigern. Die Hausherren und die Gäste aus der Grenzstadt an der Donau trennen sich nach offenem Schlagabtausch schlussendlich 2:2-Unentschieden. Schon vor Spielende sammeln sich mehr und mehr Zuschauer in der Nähe des Kabineneingangs, von wo aus sofort nach Abpfiff der eigene Trainer zur Rede gestellt und dabei auch ausgiebiger Körperkontakt nicht gescheut wird. Einmal mehr schmunzelnd nehmen wir die hier geltenden, anderen Umgangsformen zur Kenntnis.
Uns bleibt für derlei Sperenzchen aber keine Zeit, wir machen uns zügig auf den Rückweg, die Fahrt zurück nach Sofia sollte nämlich zur leichten Herausforderung werden. Wir wollen die direktere, aber dennoch knapp eineinhalbstündige Route über Berkovitsa nehmen und entscheiden uns für einen sofortigen Aufbruch um die geländige Strecke, die über eine je nach Wetterlage auch gesperrte Petrohan-Passstraße führt, noch einigermaßen bei Helligkeit durchfahren zu können. Bei stellenweise spiegelglatten Straßen in Wäldern und Tälern, in die den ganzen Tag über nur spärlich Sonnenlicht gefallen ist, stellt sich das als weise Entscheidung heraus. Den 1444 m hohen Balkan-Pass überqueren wir noch während der Dämmerung und bei klirrend kalten -19° C. Ab da ist das meiste geschafft und der Rest der Fahrt dominiert vom Suchen der heiß ersehnten Gastwirtschaft für den Abend.



