Farewell, Goodison!

Goodison Park

Der Grand Old Lady der britischen Stadionlandschaft vor dem Auszug der Toffees einen Abschiedsbesuch abzustatten, war mir schon längere Zeit ein besonderes Anliegen. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Stadion und Atmosphäre

Wo Archibald Leitch drauf steht ist, da ist er halt auch drin. Der legendäre Schotte setzte bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Goodison Park ein Beispiel dessen um, was wie kaum ein anderes die zeitgenössische Bauweise einer Ära widerspiegelt, in der auf der Insel eine Vielzahl der bedeutendsten Wettkampfstätten dieses Sports erschaffen wurden. Das Stadion wurde seither diversen Aus-. Umbauten und Modernisierungsmaßnahmen unterzogen, atmet aber nach wie vor den Geist einer vergangenen Zeit. Die eisernen „X“e am Geländer des Bullens-Oberrangs mögen als Leitch‘ explizite Handschrift gelten, aber es sind auch die sichteinschränkenden Trägersäulen sowie schlichtweg das Gesamtkunstwerk eines Stadions, das innen viel älter wirkt als von außen und dessen Optik auch dadurch besticht, dass es das exakt richtige Maß an Blauakzenten mit dem Braun, Rot und Weiß der baulichen Notwendigkeiten vereint bekommt.
Die Klappsitze und Planken aus Holz, Pissrinnen auf dem Boden der Toilettenräume, der Old-School-Flair der Treppenaufgänge, Backsteinwände an den Enden der Tribünen, die dem Stadion bis zu seinem letzten Tag eine gewisse Rohbau-Optik verleihen. Ja, dieser zuweilen morbide Charme hält sich bis heute in der besten und prestigeträchtigsten Liga der Welt und macht, zweifellos gepaart mit dem rasanten, hochklassigen Fußball, ihren Reiz in meinen Augen erst so richtig aus. Eine Kombination, die langsam aber sicher vom Verschwinden begriffen ist, wo auch bei Man Utd und in Newcastle Pläne zur Modernisierung bzw. Stadion-Neubau durchsickern und publik werden.
Und dann ist da dieser stolze, alte Verein, der seit seinen glorreichen 80ern keine nennenswerten Erfolge mehr verbuchen konnte, aber die vielleicht treuesten und bewusstesten Anhänger der Liga hinter sich weiß. Das passt wie die Faust aufs Auge.

Wenn man nach einem deutschen Pendant für Everton sucht, so landet man irgendwann zwangsläufig beim Hamburger SV. Das liegt schon allein wegen der vielen Parallelen zwischen den beiden Hafenstädten auf der Hand. Ob das die Musikclubs sind, die mit den Beatles nicht weniger als der berühmtesten Band der Musikgeschichte die notwendige Starthilfe gegeben haben. Ob es dieses alte Seemannsgericht Labskaus ist, an dem der kulinarhistorisch bewusste Esser in beiden Fällen nicht vorbeikommt und dem die Bewohner der Meryseyside ihre Bezeichnung „Scouser“ verdanken. Ob es die, von tieffliegendem Möwengekrächze unterlegte, steife Brise ist, die von Elbe wie River Mersey kommend in die Straßen bläst. Oder ist es einfach diese zunächst vielleicht etwas eigenbrötlerisch anmutende, aber gleichzeitig direkte Art, die bei Kontaktaufnahme schnell in ansteckende Freundlichkeit umschlägt.
Aber um endlich zum Fußball zu kommen. Ja, der HSV reißt sich nicht nur den lange währenden Dino-Nimbus, sondern auch seinen Stolz seit geraumer Zeit mit dem Allerwertesten ein. Everton dagegen hat mehrmalig – speziell im vergleichender Betrachtung zu den anderen beiden, großen blauen (Schurken-)Klubs der Liga überzogen erscheinende – von der Premier League verhängte Punktabzüge wegen finanzieller Verfehlungen überstanden. Den Betreiber des in unmittelbarer Nähe in der Goodison Road ansässigen Pubs Winslow Hotel hat diese Ungleichbehandlung zur Produktion von Pullovern veranlasst, auf denen das Löwen-Emblem des Ligaverbands und die kurz und bündige Aufschrift „Corrupt“ prangt. Ein einfaches Kalkül, dass die Dinger bei der Wagenburgmentalität, die sich die Evertonians nach Jahren der Tristesse angeeignet haben, ein garantierter Verkaufsschlager sein würden. Und so vereint beide diese ewige Erstligazugehörigkeit, die sich in jüngerer Vergangenheit durch eine scheinbare Unabsteigbarkeit besonders unterstrich.
Und der auf beiden Seiten eine verhältnismäßig geringe Anzahl an Titeln gegenübersteht. Beide Klubs, seinerzeit Gründungsmitglieder der ersten landesweiten Eliteklasse, erlebten ihre letzte, goldene Ära in den 1980er-Jahren, ohne dass sich ihre Wege dabei jedoch kreuzten. Für Everton wurden diese Titel gewonnen von Akteuren, deren Namen im deutschsprachigen Raum nur absoluten Kennern ein Begriff sind. Vielleicht schon einmal untergekommen ist die walisische Torhüterlegende Neville Southall. Bei dessen Landsmann und Kapitän Kevin Ratcliffe, den langjährigen Leistungsträgern Graeme Sharp und Kevin Sheedy oder der an Hergés Dupont & Dupond erinnernden Außenbahnbesetzung Steven & Stevens dürfte es jedoch spätestens aufhören. Und auch der damalige Erfolgstrainer Howard Kendall, schon als Spieler Bestandteil der „Holy Trinity“ der Blues, welcher auch Weltmeister Alan Ball angehörte, ist auf deutschsprachigem Terrain weithin unbekannt. Das rührt auch daher, dass der Verein durch das Benehmen ausgerechnet der Hooligans des Liverpool F. C. im Endspiel von Heysel 1984/85, welches einen Ausschluss englischer Vereine von den UEFA-Wettbewerben nach sich zog, um seine wohl beste Zeit im Europapokal gebracht wurde. In letzter Konsequenz holten beide Großklubs ihren letzten kontinentalen Pokal in den 80er Jahren, und bis heute bleibt das Gefühl, dass da mehr hätte sein müssen.

Evertons Fans sind selbst in der stimmungs- und gesangstechnisch eher mager aufgestellten englischen Eliteklasse nicht als überdurchschnittlich engagiert zu bewerten. Was man hier bekommt, ist ein noch mit viel Herz und Authentizität gelebter – englandtypisch spielsituationsorientierter – Support, der, wenn er aufbrandet, eine gehörige Lautstärke entfaltet. Die Gänsehaut schon vor dem Spiel liefert die unverwechselbare Z-Cars Siren, die den Einmarsch der Mannschaften begleitet. Sie ist so ikonisch, dass sie wenigstens ein kleines Stück Goodison in den Neubau am Bramley Moore Dock mit rüberretten wird.
Everton, das ist eben Goodison Park. Und zwar seit über eineinviertel Jahrhunderten. Ein Stadion der historischen Superlative, keines weltweit hat so viele Erstligabegegnungen gesehen, in keinem lief die englische Nationalmannschaft – ausgenommen Wembley – häufiger auf. Ein Stadion, dem so viel Liebe, Würdigung und Pathos entgegengebracht wird, dass es kitschig ist. In den rings ums Stadion gelegenen Pubs wird ein Buch verkauft, in denen Evertonians ihre ganz persönlichen Anekdoten preisgeben, ihre Beziehung zu ihrem jahrzehntelangen Wohnzimmer schildern und mündlich auf Nachfrage gar äußern, dass mit dem Auszug für sie auch das Kapitel Stadiongang beendet ist. „Niemals“ werden sie diese Umgebung verlassen, dann wird eben in den Kneipen unter Gleichgesinnten geschaut, anstatt den seelenlosen Neubau unten am Hafen zu betreten.
In diesem Kontext fällt schwer zu beurteilen, ob in den kursierenden Gerüchten, der Goodison Park könnte als Heimspielstätte der Everton-Frauen erhalten bleiben, nur Wunschdenken steckt oder ob doch was dran ist? Der Klub hatte sich durch Stadionneubau und zahlreiche, kostspielige Transferflops in eine finanzielle Lage gebracht, die ihm das Wasser bis zum Hals stehen und die einen Verkauf des Stadiongeländes als alternativlos scheinen ließ. Mit dem Eigentümerwechsel im Herbst 2024 wurden die Karten inzwischen neu gemischt und man hört es werde über eine Zukunft am Standort an der Goodison Road verhandelt.

Platzwahl und Kartenbeschaffung

An meine Karte komme ich direkt über einen Freund, der im Besitz einer EFC-Mitgliedschaft ist. An die zweite kommen wir letztlich tatsächlich per Gesuch in einer deutschsprachigen Facebook-Gruppe, die Kaltakquise bei ausgewählten Everton-Futbology-Top-100-Fans hätte aber auch geklappt. Auf Nachfrage lässt die bereits bekannte und überaus kooperative Mitarbeiterin der Everton-Fanhilfe zwei nebeneinander liegende Plätze für den Main Stand reservieren, die anschließend nur noch in den beiden Benutzerprofilen abgerufen werden müssen. Wir haben es tatsächlich geschafft, wir sind beim fünftletzten Auftritt der Toffees im heimischen Goodison Park dabei!
Leider vergessen wir im Trubel von der in Großbritannien gängigen Möglichkeit Gebrauch zu machen, unsere mobilen Tickets am Schalter in klassische Papiereintrittskarten umtauschen zu lassen. Doch kein Problem, der Sitznachbar zwei Reihen über uns schenkt uns in der sich ihm gebietenden, urtypischen, britischen Gastfreundlichkeit, die beiden Hard Tickets von ihm und seinem Kumpel. Im herzlichen Gespräch stellt sich anschließend gar heraus, dass der zwar in Schottland lebende, sich wegen seiner Abstammung aber als Ire bezeichnende Herr heute selbst erst Goodison-Premiere und zugleich -Farewell feierte. Entweder diese Jungs legen mal gar keinen Wert auf physische Erinnerungsstücke, oder sie sind wirklich so selbstlos, wie man manchmal meinen könnte.

Verpflegung und Versorgung

Die Versorgungslage auf dem Vorplatz ist gut und vielseitig, die Unterhaltung durch die offizielle Regie ebenfalls – ich steh‘ aber halt auch auf den Klub und schwebe hier eh auf Wolke 7, der Bezug des „The People’s Club“-Schals für geschmeidige zehn Pfund beim Straßenhändler ist ein dementsprechender No-Brainer. Meine Begleiterin ersteht für faire vier Pfund einen opulenten und schmackhaften Pie, mir genügt ein Bier zur Glückseligkeit, meinen Hunger hat schon der Chippy in der Innenstadt mehr als gestillt.
Der Trubel zur Halbzeitpause zeigt auf, dass dieses altehrwürdige Stadion aber eben doch an seine Kapazitätsgrenze stößt. Die Zeit, die es für den Gang ans Verkaufsfenster oder auf die Toilette braucht, ist exorbitant. Einerseits gibt es davon nicht sonderlich viele, andererseits sind da die kaum passierbaren Treppen und Gänge, denn in England muss das Stadionbier in der Pause und im engen Catering- bzw. Treppenbereich genossen werden, da Alkohol im Innenbereich untersagt ist. Immerhin kommt man so drum rum, sein Bier aus den lästigen Plastikbechern, an die sich der Mitteleuropäer längst gewöhnt hat, trinken zu müssen. Die Schlange am Kiosk ist zwar ellenlang, es geht aber doch recht zackig. Nicht nur, weil fertig verpackte, aber geschmacklich runde! Stadion-Pies rauszugeben eben doch schneller geht als eine Bratwurst im Brötchen zu servieren. Nein, diese Damen wissen auch, was sie tun und sind weitaus motivierter bei der Sache als das studentische Aushilfspersonal, das andernorts ohne Hemmungen lauwarme oder verbrannte Speis und dazu abgestandenen Trank reicht. Die Auswahl ist insgesamt vielseitig und wir mit unseren Heißgetränken absolut zufrieden.

Aufm Platz

Es ist das erste Mal, dass David Moyes seit seiner Rückkehr in den Goodison Park auf West Ham United trifft, wo er sich zwei Jahre zuvor mit dem Gewinn der Conference League in den Vereinsannalen verewigte. Einen entsprechenden Stellenwert genießt der Schotte in beiden Fanlagern, es ist auch vom „Davy-Moyes-Derby“ die Rede. Und auch wenn Moyes den Toffees den Antifußball unter Vorgänger Sean Dyche ausgetrieben hat und während der inzwischen acht ungeschlagenen Ligaspiele am Stück wieder so etwas wie Spielfreude aufblitzte, so sind die Mittel der Mannschaft weiterhin limitiert.
Entsprechend schleppend beginnt das Spiel und bleibt vieles dessen schuldig, was sich der gewöhnliche Kraut an Spektakel und Glamour, für das die Marke „Premier League“ heutzutage steht, verspricht. Torchancen, ja Torraumszenen sind Mangelware in Durchgang 1. Der gewöhnliche Kraut schaut aber auch nicht Everton. Purist und Masochist in mir dagegen tun das bewusst. Und das sogar so konsequent, dass das einzige Highlight – ein vom VAR wieder einkassierter Elfmeterpfiff – durch einen verfrühten Gang zum Kiosk gekonnt verpasst wird. In der zweiten Halbzeit fallen zwar endlich Tore, eine offensive Ausrichtung lässt sich den beiden Teams deshalb aber noch lange nicht attestieren. Eine Drangphase, jedoch ohne wirklich die Brechstange zu bemühen, bringt den Hausherren das sehenswerte, späte 1:1, Gueyes wohltemperierte Volley-Maß-Flanke findet den Schädel des bis vor den Kasten durchlaufenden O’Brien. Den absoluten Lucky Punch verpasst anschließend Alcaraz mit der letzten Aktion des Spiels um Haaresbreite: nach schönem Doppelpass verfehlt sein Flachschuss das lange Eck nur um Zentimeter. Schade, die schon beim Ausgleich genossene Ekstase hätte ihre Steigerung gefunden.

An- und Abreise

Vom Flughafen Köln-Bonn geht’s an Bord einer irischen Billigfluglinie für schlappe 17 Euro nach Manchester Airport, von dort aus bringt uns der Zug in knapp eineinhalb Stunden nach Liverpool Lime Street, den seit 1836 und damit ältesten noch genutzten Kopfbahnhof der Welt. Von der nahegelegenen Busstation Commutation Row fahren Shuttles ans im Stadtteil Walton gelegene Stadion. Für zwei Pfund hin und zwei retour kann man sich einen kilometerlangen Marsch ersparen, die Fahrt führt quer durch den Stadtbezirk Everton, es lässt sich gar ein Blick auf den das Klubwappen zierenden Prince Rupert’s Tower erhaschen.
Vor der Heimreise lasse ich es mir nicht nehmen, den Sonnenuntergang vor den mittlerweile verschlossenen Toren in der guten Gesellschaft der Dixie-Dean-Statue zu meinem ganz persönlichen Farewell-Moment werden zu lassen. Dann geht’s auf selbem Weg zurück.

Kombiniert mit!?

Die Anstoßzeiten auf der Insel machen Doppler bekanntermaßen ohnehin schwierig. Die Entscheidung nur ein Spiel auf den Plan zu nehmen, fällt aufgrund der begrenzten Zeit sowie des Bedürfnisses, den letzten Besuch der Grand Old Lady mit einer dem Anlass gerecht werdenden Ausgiebigkeit zu zelebrieren um dem Ort den angemessenen Tribut zu zollen, auch nicht schwer. Somit bleibt es neben einer sehr konzentrierten, aber für einen Revisit ausreichenden Stadtbesichtigung am Mittag, bei der abendlichen Tour durch die Pubs in Stadionnähe sowie in der Innenstadt. Liverpool wirkt an diesem Samstagabend noch irischer – nicht weniger als drei Viertel der Einwohner der Stadt haben Vorfahren von der grünen Insel – als ohnehin schon, es wird nämlich speziell unter den jungen Leuten schon übereifrig St. Patrick’s Day gefeiert, obwohl der eigentlich erst am Montag ist.