Extended Hochsommerabend

Rhein-Neckar-Stadion, Mannheim

Pokalzeit! Das heißt in dem Fall Fussballromantik vor der Haustür. Mir ist das Privileg bewusst, einen echten Wohlfühlground nur einen Katzensprung von meinem Domizil entfernt zu wissen. Also sehe ich hier und da vom Drang nach dem nächsten Kreuz ab und lasse mich einfach verführen.

Einen Hitzetag von 35 Grad in den Knochen sehnt sich der menschliche Körper nach Abkühlung und der Geist nach Ruhe. Aber, ein Hopper ist ein Getriebener. Um die Ecke steigt ein Spiel, das wahrlich anziehend auf mich wirkt.
Gar so sehr, dass ich das parallel nur geringfügig weiter entfernt stattfindende Achtelfinale zwischen Eppelheim und Nöttingen sausen lasse, obwohl mir dieses zum einen ein neues Kreuz eingebracht – und aus der Retrospektiven betrachtet – auch eine Pokalsensation geliefert hätte. Aber sei’s drum.

Der Deutsche Meister von 1949 tut sich seit geraumer Zeit schwer den für die dringend notwendige Verjüngung, ja Wiederbelegung einer Szene notwendigen Nachwuchs zu gewinnen, trotz des attraktiven Spielstätte und der glorreichen Vergangenheit. In einer Stadt, die von Waldhof-Aufkleber übersäht, ja zutapeziert ist, wirkt sich das in jeglicher Form laute, Anspruch erhebende und von martialischen Motiven geprägte Auftreten der Barrackler gleichermaßen erdrückend wie einschüchternd aus. So hat der frühere Arbeiter- und Stadtteilverein dem bürgerlichen und einstigen Renommierklub spätestens in dessen schwarzen Verbandsligajahren vollends den Rang abgelaufen. Und dass die Mannheimer Mittelschicht, die mit dem Asi-Image von nichts anfangen kann, aber statt zum VfR lieber in die SAP Arena strömt und anstelle des Balls der Scheibe nachschaut, tut ihr übriges.

Dennoch kann sich sowohl der neutrale Beobachter als auch der Vereinssympathisant glücklich schätzen, dass es nie zu der Fusion aus VfR und Waldhof gekommen ist, die zu Dürrezeiten des Mannheimer Fussballs im Raum stand. Die beiden Klubs repräsentieren die Stadt auf sehr unterschiedliche, aber treffende Art und Weise und bereichern die regionale Vereinslandschaft.

Die vergangenen Jahre hat insbesondere der VfR zu Nutzen gewusst, seine Stellung in der Gesellschaft neu erfunden, sportlich die Kurve bekommen und trotz eines familiär geprägten Umfelds professionelle Strukturen etabliert, sodass im dritten Jahr der Oberligazugehörigkeit der Regionalliga-Aufstieg angepeilt wird. Die Chancen stehen nicht schlecht, zum einen sind in der Vorsaison mit Sonnenhof Großaspach und der TSG Balingen zwei dominante Schwergewichte aufgestiegen, zum anderen ist der Truppe, die vom ehemaligen Bundesligaprofi Alexander Esswein aufs Feld geführt wird, der Saisonstart nicht nur ergebnistechnisch gelungen.

Heute ist aber nicht Tages-, sondern Projektgeschäft. Das große Ziel ist die nationale Bühne, seit Ewigkeiten will man mal wieder in die Lostrommel für die DFB-Pokalhauptrunde geschmissen werden. Dazu muss heute die Ligakonkurrenz aus Pforzheim bezwungen werden. Der Fusionsverein aus der Goldstadt verfolgt ähnlich ambitionierte Ziele wie der Mannheimer Traditionsverein, landete in den letzten Jahren stets im Verfolgerfeld der Liga und erreichte, wenn auch nicht als Badischer Pokalsieger, nach Finalniederlage gegen den KSC 2018 die 1. Runde des DFB-Pokals.

Beide Mannschaften starten auf dem Rasen mit offenem Visier, es entwickelt sich ein wirklich hochklassiger Kick, den man problemlos auch in der Regionalliga verorten könnte. Die frühe Gästeführung kontern die Kurpfälzer Mitte der 1. Halbzeit, beide lassen weitere Gelegenheiten bis zur Pause aus. In Halbzeit 2 gehen dann die Mannheimer in Front, nur wenige Minuten später können die Nordschwarzwälder ausgleichen. Die Teams fahren in der Folge ihre Angriffslustigkeit etwas herunter, bis zum Ende der Verlängerung erreicht sie nicht mehr das Niveau der Anfangsphase. Im Elfmeterschießen geht’s Kopf an Kopf weiter und auch dort in die Overtime, bis schließlich Pforzheims sechstem Schützen die Nerven versagen.



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