Schwarzwaldfahrt

Stadion im Friedengrund, Villingen(-Schw.)

Es ist Länderspielpause, bestes Septemberwetter, wir sind im Besitz des D-Tickets, der ganze Samstag ist frei. Also ab in den Zug und weiter an der Oberliga-Komplettierung arbeiten, das zweite Kreuz binnen einer Woche soll dran glauben.

Die Anreise auf den Schienen aus dem Nordbadischen schließt den szenischen und tunnelreichen Abschnitt der ab Offenburg startenden Schwarzwaldbahn mit ein. Heute gilt es, in eine eher entlegene und auf meiner persönlichen Groundkarte bislang verwaiste Gegend die erste Stadion-Nadel zu setzen. Villingen ist die etwas größere Hälfte der Fastnachtshochburg im Schwarzwald-Baar-Kreis im Süden des Ländle und für dieses besonders deshalb äußerst repräsentativ, als dass die beiden in den 1970er vereinigten Städte durch die badisch-württembergische Grenze getrennt waren. Dadurch bildeten sich beiderseits Mittelzentren aus, viele Einrichtungen sind zweifach vorhanden, was den Beinamen „Doppelstadt“ unterstreicht. Auch ist das heute knapp 90.000 Einwohner zählende Villingen-Schwenningen die höchstegelegene deutsche Stadt ihrer Größe.

Der heute angepeilte Ground liegt ziemlich abseits am Westrand der Stadt, da sich die sehenswerte Villinger Innenstadt jedoch auf dem Weg befindet, lädt dies zum Schlendern und Einkehren ein und auch der lange Abschnitt im Rosengarten lockert den Marsch erheblich auf. Wer nicht ganz so gut zu Fuß oder in Eile ist, kann für einen größeren Abschnitt des Weges in den Bus steigen, worauf auf dem Rückweg auch zurückgegriffen wurde. Nächster Zustiegspunkt ist die „Vöhrenbacher Straße“, wie der Vereins-Website entnommen wird, Google Maps wies zum Zeitpunkt meines Besuchs weder Abfahrtszeiten noch Haltestellen des lokalen Busunternehmens aus.

Das Stadion im Friedengrund – derzeit sponsoringbedingt als MS-Tech-Arena geführt – ist umgeben von zig weiteren Plätzen, darunter der Trainings-/Nebenplatz des FC08 sowie Rasen und Kunstrasenplätze der Nachbarvereine DJK und VfB. So herrscht reges Treiben – von 13 bis 18 Uhr werden heute auf dem Areal insg. sechs Spiele angepfiffen, auch die niederklassigsten Ligen spielen heute am Samstag.

Der FC 08 beansprucht jedoch nicht nur die Vormachtstellung in Villingen für sich, nein, der Verein reklamiert auf seiner Website selbstbewusst die Spitze des Schwarzwälder Fussballs darzustellen. Und der Klub, der sein All-Time-High rund ums Jahr 1970 erlebte, als er einige Jahre an der damals noch zweitklassigen Regionalliga Süd teilnahm, tut das – abhängig davon, wie eng oder weit man den geographischen Begriff fasst – auch heute noch berechtigterweise. Im vergangenen Jahr trat man als Baden-Württembergischer Oberliga-Meister in der Regionalliga Südwest an, stieg dort aber weitgehend chancenlos direkt wieder ab. Im Aufstiegsjahr hatte man immerhin namhafte und potente Konkurrenz wie Sonnenhof Großaspach, die TSG Balingen, den einmaligen Deutschen Meister VfR Mannheim, den 1. CfR Pforzheim sowie Ex-Zweitligist Reutlingen, hinter sich gelassen, der gebürtige Villinger und ehemalige Bundeligaprofi Daniel Caligiuri stieß damals im Winter zum Kader.
Und einmal oben, im Profigeschäft, gewesen, bleiben die Preise hoch. Die Gastgeber nehmen im Oberliga-Vergleich stolze 11,- EUR Eintritt für den Steher, wer im „Oberrang“ auf der Haupttribüne Platz nehmen möchte, darf gar 16,- EUR löhnen. Auf dem Wecken landet hier regionstypisch keine klassische Bratwurst, sondern eine „Heiße“, die aber über den Grill geht. Geschmacklich passabel, aber kein Highlight. Die nicht-alkoholische Auswahl ist gut, das 0,4er Bier für 4,- bundesligareif bepreist.

Das in den 1960ern errichtete Stadion ist auf drei Seiten bebaut, der hinter Tor gelegene Stehplatzblock unterhalb der Anzeigetafel wird allerdings ebenso wie der rechts neben der Haupttribüne platzierte Gästebereich heute mangels Bedarf nicht geöffnet. Der modern wie imposant wirkenden Haupttribüne gegenüber befindet sich eine und über die fast komplette Spielfeldlänge reichende, schmucke Holztribüne, deren Rückwand und Decke dunkle Holzbalken tragen – es lässt sich getrost feststellen, dass hier nicht nur Schwarzwald drauf steht, sondern auch wirlich drin ist. Rechtzeitig nimmt hier der kleine Stimmungsblock seinen Platz ein, außer einer dauerhaft eingesetzten Pauke, einer Schwenkfahne sind es aber vor allen Dingen lautstarke Beschwerderufe, die im Gedächtnis bleiben und der Nummer trotz der Umgebung einen irgendwie dörflich-ländlichen Charme verleihen.

Zu Gast ist heute der letztjährige Meister der Verbandsliga Südbaden. Der FC Denzlingen – ohne Fans, die nennenswert auf sich aufmerksam machen würden, angereist – kommt aus dem Breisgau vor den Toren Freiburgs und macht die Partie heute somit zu einer rein-alemannischen Angelegenheit. Und der Gast kommt gut rein, geht nach ecke früh in Führung. Villingens Ex-Profi Sökler dreht das spiel quasi im Alleingang, u.a. mit sehenswert, direkt verwandelten „Nuckle-Ball“-Freistoß aus rund 28 Metern. Mit 3:2 Führung geht’s in die Pause, weil Weizel unmittelbar vor Pausenpfiff eine Unachtsamkeit zu seinem ebenfalls zweiten Treffer nutzen kann. Unsere Hoffnung auf eine gleichsam unterhaltsame 2. Hz. setzt voraus, dass sich die bis dahin doch überlegenen Villinger einlullen und den Schneid abkaufen lassen. Und genau das tritt ein, Mitte der 2. Halbzeit drängen die Gäste massiv auf den Ausgleich, der zunächst trotz einiger Großchancen nicht fallen will. Zwei mal komplett frei durch, Elfmeter vergeben Pfostenknaller – 08 weiß selbst nicht, wie sie hier noch immer vorn liegen können, kriegt aber den Schalter in Vorwärtsgang über die ganzen 45 min. kaum noch rein. Dann kommt’s aber wie’s kommen muss. Die Schläfrigkeit der Gastgeber wird bestraft und in einer unübersichtlichen Situation kullert die Murmel rein: 3:3. Obwohl – beidseitig – ein weiterer Treffer in der Luft liegt, bleibt es beim Remis, das aufgrund der auf hüben wie drüben nachlässigen Abwehrreihen und der Abschlussschwäche der Angreifer in Ordnung geht.