Stadio San Siro «Giuseppe Meazza»
Wenn es Stadien auf der Welt gibt, zu denen es im Grunde keiner weiteren Beschreibungen und Erzählungen bedarf, dann ist der Mailänder Tempel gewiss unter ihnen. Ebenso selbstverständlich ist jedoch das Bedürfnis des Hobbyautors dieser lebendigen Ikone des Fussballs einen Beitrag zu widmen, gibt es doch kaum Spielstätten, die ein solches Maß an sporthistorischer Relevanz und architektonischem Wert in sich vereinigen. Hier also mein Bericht aus dem Stadion, das „man gesehen haben muss“ schlechthin.
Eckdaten der Begegnung
Stadio San Siro «Giuseppe Meazza»
AC Milan – Pisa SC
2:2
Fr., 24. Okt. 2025 20:45 Uhr
8. Spieltag, Serie A
72.615 Zuschauer
Ich bin das zweite Mal in Mailand und dieses Mal angenehm überrascht von der Tatsache, wie günstig manche Ecken dieser mondänen Stadt noch immer sind. Eine geschmacklich astreine Pizza gibt’s schon ab für 5,- Euro, den Espresso für 1,- Euro muss man inzwischen zwar suchen, mehr als 1,50 zahlt man aber fast nirgends. Für das echte Italien-Gefühl ohnehin unerlässlich ist der Aperitiv, den wir uns natürlich an beiden Tagen gönnen. Von ganz klassisch Negroni bis zu alkoholfreien Varianten wie einem Crodino, der obligatorische Akt am Vorabend – in Italien also von circa 17 bis 20 Uhr – wird schon ab 4,- Euro und standardmäßig mit reichhaltiger bis nahezu sättigender Beigabe serviert. Die variiert von mit Schinken und Käse verzierten Backwaren beim Panificio zu einer kleinen, schmackhaften Auswahl an Brot, Wurst, Käse, Tomaten, Oliven und Öl in der klassischen Bar. Wir haben dort sogar das Glück, dass ein freundlicher Signore am Nebentisch live eine Spezialität seiner sizilianischen Heimat zubereitet. Das Pani Cunzatu ist eine Art pikantes Ciabatta, das seinen guten Geschmack dem reichlichen Olivenöl, mit dem es beträufelt wird und der Zugabe von Peperoncino verdankt. Üblicherweise bekommt man es mit Tomaten, Käse, Oliven oder Sardellen serviert, warm und frisch schmeckt es aber auch in Reinform fantastisch, wie wir dankbar feststellen dürfen.
Zum Stadion geht es mit unserem bevorzugten Mailänder Fortbewegungsmittel, der U-Bahn, genauer der Linie M5. Gedanken über die Bezahlung muss man sich hier übrigens keine machen, einfach Debit- oder Kreditkarte ans Terminal halten, passieren und dann für 90 Minuten fahren soviel man will – für keine 2,- Euro. In der Metro zum Stadion entnimmt man derweil auch mit nur rudimentären Italienischkenntnissen den Gesprächen in der Metro die große, in den Milanisti schlummernde Sehnsucht. Es fallen Spielernamen wie Kaká, Gattuso und Shevchenko, die so modern erscheinen und doch aus Zeiten stammen, die schon zwanzig Jahre her sind. Als man das Nonplusultra Europas war, von „un altro, un Milan piu grande“ wird sinniert. Sie sind Realisten, wissen die Qualität ihrer aktuellen Mannschaft trotz des starken Saisonstarts einzuschätzen.
Den U-Bahn-Schacht verlassen bietet sich der den einen alltägliche, für uns jedoch andächtig bestaunte Blick auf eines der legendärsten Fussballstadien der Welt. Eines, das bis zu seinem Abriss eine Ikone futuristischer Bauweise bleiben wird und noch heute, fast hundert Jahre nach Eröffnung, Maßstäbe setzt. Wir sind noch weit genug entfernt, sehen keinen bröckelnden Putz, siffige Pfützen auf den Tribünen und all die Alterserscheinungen, die auch später der Ehrfurcht, die wir gegenüber diesem Tempel empfinden, nichts anhaben werden.
Trotz Zahlendreher beim Geburtsdatum dürfen wir ohne Beanstandungen die Karten- und Ausweiskontrolle passieren, warum ein Ticketportal in einem nationalen europäischen Wettbewerb bei englischer Spracheinstellung auf amerikanisches Datumsformat schaltet, das bleibt mir allerdings schleierhaft. Im Innenbereich auf dem Weg zum Platz erwartet uns die nächste Mailänder Machtdemonstration. Auf entsprechend zahlreichen Tafeln sind die europäischen Titel verewigt, die Milan und Inter im Laufe der Jahrzehnte gesammelt haben. Wir erklimmen unseren Block im Oberrang weitestgehend über die Turmspirale, kürzen aber – auch um dem Drehwurm entgegenzuwirken – via Treppe im Innern ab.
Im Stadioninnern angekommen begeistern vor allem die mächtigen Betonsäulen, die regelrecht an massiv befestigte Schützentürme erinnern. Auf verschiedene Ebene aufgeteilt beherbergen sie auch die Stadionbar, wo man einen wieder mal hervorragenden Espresso Macchiato für schlanke 1,50 Euro kriegt. Beim Bier ist man da schon sportlicher unterwegs, das kleine Bud für 6 Euro schlägt sogar den 0,75l-Becher Moretti, den wir bereits vor dem Stadion für einen Zehner erstehen. Wehmütig wird einem beim Anblick der alten Preistafel, die, in die Betonwände neben den Treppenaufgängen eingraviert, das Snackangebot längst vergangener Fussballepochen konserviert. In Lira versteht sich.
Dass ich mir bewusst ein Milan-Heimspiel zum Besuch des San Siro ausgesucht habe liegt neben meiner grundsätzlich eher auf dieser Seite der Stadt gelagerten Sympathie auch am stimmungsvollen Eröffnungslied deren Tifosi. Allerdings bleibt das Live-und-in-Farbe-Erlebnis von ‚Sarà perché ti amo‘ hinter meinen zugegebenermaßen hohen Erwartungen zurück.
Die Vorzeichen vor dem Spiel des Abends scheinen klar. Milan, aktueller Tabellenführer der Serie A empfängt mit Pisa den Drittletzten und einen Aufsteiger, der das letzte Mal im Januar 1991 zu einem Auswärtsspiel bei den Rossoneri angetreten ist. Vertraute Gesichter in den Reihen der Gäste sind die von Trainer Alberto Gilardino und seinen beiden Routiniers Raúl Albiol und Juan Cuadrado, den bekanntesten Namen trägt dagegen Gigi Buffons Sohn Louis, der Jungstürmer nimmt auf der Bank Platz.
Die Hausherren, bei denen zwar Ex-Weltfussballer Luka Modrić von Beginn an auf dem Platz steht, andere Größen wie Weltmeister Adrien Rabiot und Ex-Dortmunder Christian Pulisić aber verletzungsbedingt ausfallen, startet durch ein frühes Tor von Stürmerstar Rafael Leão standesgemäß in die Partie. Sich wohl ob der bisherigen Harmlosigkeit der Toskaner in trügerischer Sicherheit wiegend gibt man das Spiel spätestens Mitte der zweiten Hälfte jedoch aus der Hand, als die Hereinnahme von Kolumbianer Cuadrado tatsächlich frischen Wind bringt. Letzten Endes rettet Milans eingewechselter Rechtsverteidiger Athekame seiner Mannschaft in der Nachspielzeit wenigstens das chancenmäßig freilich verdiente 2:2.
Die Punkteteilung vor heimischem Publikum genügt den eigenen Ansprüchen selbstredend nicht und auch der Corriere dello Sport schreibt am darauffolgenden Samstagmorgen vom „scherzo pisano“.
Wieder draußen überkommt uns eine Mischung aus Entdeckungs- und Heißhunger. Wir gönnen uns jeder zwei der fantastischen Panini, die wahlweise mit verschieden zubereitetem Fleisch und ergänzend bis zu zwei Sorten Grillgemüse gereicht werden. Bei mir gibt’s einmal das klassische Salamello mit Zwiebeln und in Runde zwei dann Schweinefilet, getrockneten Tomaten und Auberginen. Mein Begleiter wagt sich unter anderem an die Salsiccia ‚Nduja und klagt den Rest des noch länger als erhofft werdenden Abends über einen feurigen Atem.
Warum sich der Resttag noch dermaßen in die Länge zieht, liegt an der uns nun bevorstehenden Odyssee. Nach unserer viertelstündigen Fressorgie, ursprünglich auch mit der Absicht eingelegt, den ersten Andrang verlaufen und sich die Situation an der U-Bahn-Station entspannen zu lassen, stellen wir verdutzt fest, dass der Zugangsschacht zur M5 nur kurze Zeit nach Spielschluss geschlossen ist. Ein starkes Stück angesichts der bloßen Zuschauerzahl und der kaum vorhandenen Alternativen. Um unsere Lage zu sondieren machen wir erst mal noch ’nen Abstecher in eine nahegelegene Bar, wo es um kurz nach halb zwölf den letzten Espresso des Tages gibt. Da wie befürchtet auch der Eingang zur U-Bahn-Station an der nahegelegenen Pferderennbahn bereits versperrt ist und auch den um Rat gefragten Milan-Fans nichts besseres als Taxi oder E-Scooter einfällt, wählen wir wie die meisten die oberirdische Trambahn. Aus knapp zwanzig Minuten Rückfahrt wird so ein rund eineinhalbstündiger Heimweg, der uns immerhin noch ins zufällig entdeckte Nachtschwärmerviertel Porta Romana führt. Von den Strapazen des langen Anreisetages geschlaucht werden wir dort aber nicht alt und wenden unsere verbliebenen Körner zeitnah für die letzten fündundzwanzig Minuten Fußweg auf.




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