Die immerwährende Italien-Sehnsucht, das nicht richtig winterliche, sondern nur ungemütliche Wetter gepaart mit der Tatsache, dass noch einige Urlaubstage über sind, veranlassen mich dazu gemeinsam mit meinem ganz und garnicht-fussballaffinen Kompagnon fünf Tage Apulien zu buchen.
Dass mein Verein sportlich momentan gar nichts mehr auf die Reihe kriegt und selbst die zärtesten Pflänzchen des Dagegen-Ankämpfens konsequent durch verheerende Schiedsrichterfehler kaputtgetreten werden, machen mir die Entscheidung nicht gerade schwerer.
Also gehts vom Baden-Airpark aus in aller Früh nach Bari, wo uns die Sonne des Mittelmeers mit offenen Armen empfängt.
Kaum eine Stunde ist nach Landung vergangen haben wir die Sonnenbrille auf, ein Focaccia Barese in der Hand und lassen den Blick über die ruhige Adria schweifen.
Der Süden Italiens ist Mitte Dezember ein anderes Land.
Von der üblichen Dreifaltigkeit aus Chaos, Hitze und Lärm ist wenig zu spüren, man könnte fast sagen es geht entspannt zu.
Die kleinen Orte sind tagsüber eindeutig in den Händen der älteren Herrschaften, die auf Dorfplatz oder Parkbank die tiefstehende Sonne genießen oder gar ihre Angel in den kleinen Hafenbuchten auswerfen um im Anschluss in geselliger Runde Karten zu spielen.
Wo im Sommer der Trubel totale herrscht, macht sich jetzt Geruhsam- und Genügsamkeit breit.
Und kaum ein Laden verzichtet auf reichhaltige, jedoch gekonnt platzierte und gezielt in Szene gesetzte Weihnachtsdekoration.
Besonders gut kommt die auf den hellen, Kalksteinfassaden Locorotondos aber auch in weniger bekannten Städten wie Terlizzi zur Geltung und vermitteln dort echte Wohlfühl-Vibes.
Abgerundet wird das ganze dann z. B. vom leckeren Porchetta-Panino, das, frisch vom Spanferkel runtergeschnitten bei der Weihnachtsmarkt-Grillbude erstanden werden kann.
Stadio Gustavo Ventura, Bisceglie
Eckdaten der Begegnung
Stadio Comunale Gustavo Ventura, Bisceglie
AS Bisceglie 1913 – Unione Calcio Bisceglie
3:1
Do., 11. Dez. 2025 18:00 Uhr
Halbfinalrückspiel, Coppa Italia Eccellenza Puglia
ca. 900 Zuschauer
Schon an Tag 1 verbuche ich das erste meiner beiden Kreuze.
Die Ansetzung, die mir zur Zeit der Flugbuchung noch nicht bekannt war, hat doch tatsächlich ergeben, dass der frühere Profiverein Bisceglie 1913 am heutigen Donnerstagabend sein Halbfinalrückspiel gegen den Stadtrivalen von der Unione Calcio austrägt.
Bespielt wird die große Bude, das Stadio Gustavo Ventura, dessen Nutzung der AS als dem mit Abstand größten und traditionsreichsten Klubs der Stadt vorbehalten ist. Sportlich ist der Vorsprung allerdings zusammengeschmolzen, man konkurriert im Ligabetrieb mit dem heutigen Gegner in der Eccellenza und nur eine Klasse tiefer tümmeln sich weitere in der Stadt ansässige Vereine.
Immerhin läuft die Saison bislang nach Plan und die Nerazzuri steht nicht nur im Semifinale des Regionalpokals, sondern auch an der Tabellenspitze und damit auf Kurs Rückkehr in die Serie D.
Der Ticketkauf wäre zwar auch online möglich, ich möchte aber die echte Italien-Erfahrung und lasse mir somit natürlich mein Biglietto in der Bar um die Ecke drucken.
Trotz Vorlage des Personalausweises stellt mir die Dame in der Annahmestelle anstatt auf Vorname (, Zweitname) und Nachname meine Eintrittskarte auf „Zweitname Vorname“ aus – läuft!
Optisch macht das Hardticket ’nen spitzen Eindruck und preislich bin ich wegen des K.O.-Wettbewerbs heute sogar günstiger dabei als im Regelbetrieb – für ’nen schlanken 5er geht’s auf die Gradinata, die Gegengerade.
Die ist im Stadio Gustavo Ventura zu einem großen Teil mit Sitzschalen versehen und nur an den beiden Rändern an den Spielfeldecken eine Stehplatztribüne.
Errichtet wurde das im Besitz der Stadt befindliche Stadion in den 70er-Jahren in der klassischen, betonlastigen Bauweise.
Nach dem das Stadionrund umrandenden ersten Wall, der nur gegen Vorlage einer gültigen Eintrittskarte passiert werden kann, stellt die Rückseite der Gegentribüne einen zweiten solchen dar.
Er ist gespickt mit einigen Mundlöchern sowie ein paar Geräteräumen, aus denen heraus am heutigen Pokalspieltag Getränke sowie die dürftige Auswahl an Speisen, bestehend aus verschiedenen Sorten Chips, verkauft werden.
Der Bereich zwischen den beiden Mauern ist ebenfalls bestens versiegelt – ich bin froh im Dezember hier zu sein.
Das Stadion ist im Allgemeinen keine Schönheit, ein Schmankerl ist der auf der Schriftzug „Bisceglie vecchia stella del Sud“, der auf dem Weiß der Hintertormauer prangt. Dennoch ist die auch von Leichtathleten genutzte Sportstätte die typisch brutalistische Bausünde – und damit genau die richtige Umgebung für die erhoffte dreckige Derby-Pokalschlacht!
Schon vor Spielbeginn beim Aufgang zu den Rängen werde ich von einem der beiden freilaufenden Hunde sorgfältig inspiziert. Diese Schnupperprobe bestanden kann ja nichts mehr schief gehen heute, soll einer sagen, in Italien wird lausig – oder eben gerade das;) !? – kontrolliert.
Aber es sind nicht nur die nicht angeleinten Vierbeiner, auch auf den Zaun kletternde Rentner und Zuschauer, die durch die Bank bis ins Hohe wiederholt und bei komfortabelstem Spielstand zu den wüstesten Beleidigungen greifen, die Szenerie auf der Gradinata weiß zu belustigen.
Setzt ein Tribünengast mal zu einem Lamento an, artet dieses nicht selten in einer ausführlichen, gerne mal halbminütigen Wutrede aus, an deren Ende ein nachgeschobenes „Bastardo Molfettese“ dann eine der versöhnlicheren Bezeichnungen ist, die den Unparteiischen wie auch an den Gästespielern um die Ohren fliegen.
Die Mehrheit jedoch beschränkt sich auf kurze, gepfefferte Verbalausdrücke.
Dank dieser unterhaltsamen Darbietungen auf den Rängen fällt es wenig ins Gewicht, dass der Spielverlauf, keinerlei Wendungen bereithält. Der Spielführer der Hausherren nutzt in der 3. Spielminute gleich die erste sich bietende Einschusschance und in der Folge verteidigen seine Mannen die Führung konzentriert. Spätestens zwei weitere Tore Mitte der zweiten Halbzeit sorgen für klare Verhältnisse, den Gästen gelingt in den Schlussminuten nur noch der Ehrentreffer.
Ein kleiner Wehrmutstropfen ist, dass im Stadion im Spätjahr 2024 Kunstrasen verlegt worden ist. Dem Ground geht dadurch doch einiges an Gammelflair verloren, ein Check der Maps-Satellitenansicht liefert allerdings Aufschluss darüber, wie notwendig dieser Schritt offensichtlich gewesen ist, das muss selbst ich als alter romantischer Verklärer mir eingestehen.
Zur Feier des Tages und meiner Erquickung finden die Tifosi der AS in der Schlussphase einige Fackeln in ihren Jackentaschen, von denen es eine sogar über den Zaun auf die Tartanbahn „schafft“.
Alles in allem war das ein wirlich guter Mittelklassenhopp und es findet sich wieder eine stattliche Betonbrecher mehr in der Kartei.



Nach zwei Tagen Dolce Vita inklusive Besichtigung von Matera – die aus dem Tuffstein gehauene Stadt ist weit mehr als nur 007-Drehkulisse – und einen sportlichen Nackenschlag mehr für den glorreichen Mühlburg-Phönix steht Teil 2 an:
Stadio Paolo Poli, Molfetta
Eckdaten der Begegnung
Stadio Paolo Poli, Molfetta
ASD Molfetta Calcio – Borgorosso Molfetta
3:1
So., 14. Dez. 2025 11:00 Uhr
15. Spieltag, Promozione Puglia Girone A
350 Zuschauer
Zur besten Fussballzeit sonntags um 11:00 Uhr empfängt Molfetta Calcio den Lokalrivalen Borgorosso zum nächsten stadtinternen Kräftemessen.
Leider wird mangels Bedarfs die Gradinata im Stadio Paolo Poli nicht geöffnet, wodurch mir die Möglichkeit genommen wird, den Blick über das Spielfeld hinweg in die Adria hinein zu genießen.
Bei bestem Wetter, 16° C und strahlender Sonnenschein, hätte das Mitte Dezember doch wirlich was gehabt.
Sei’s drum, wird eben auf der Haupttribüne Platz genommen und sich dort regelrecht brutzeln gelassen. Während ich im Verlauf der Partie schweißnassen Rückens zwei Lagen Kleidung ablege, bleibt der Apulier erwartet standhaft. Die Wintermäntel bleiben an, das Ideal die „Bella Figura“ abzugeben steht auf der Apenninhalbinsel bekanntermaßen über dem persönlichen Wohlbefinden.
Die Partie endet wie das erste Spiel drei Tage zuvor mit 3:1, steht im Gegensatz zu dem Derby in der nordwestlichen Nachbarstadt aber bis zuletzt auf der Kippe.
Ein schönes Freistoßtor zum Anschluss und die kurz darauf folgende Hinausstellung eines Heim-Akteurs führen zu einer langen Drangphase, die jedoch in einem späten Gegenstoß zum finalen Resultat ihr jähes Ende findet – inklusive gelber Karte für den bulligen Joker, der es mir nach seinem 40-Meter-Sprint mit anschließendem Torerfolg gleich tut und sich seines Trikots entledigt – wenigstens ein Bruder im Geiste!
Für Entzücken auf den Sitzschalen sorgt Mitte der ersten Halbzeit ein großer Vogelschwarm, der für zwei Minuten unmittelbar im Sichtfeld kreisend eine regelrechte Kür an feinsäuberlichst aufeinander abgestimmten Flugeinlagen abliefert.
Das absolute Highlight, was diesen Ground – immerhin vor ein paar Jahren noch Spielstätte in der Serie D – auszeichnet, entdecke ich aber in der Halbzeitpause: das aus dem Stadioninnern und nur von hinter dem Zuschauereinlass bzw. der Ticketkontrolle aus zugängliche Stück Kiesstrand. Die Vorstellung, sich bei entsprechenden Temperaturen mal ganz eben und völlig ohne Aufriss im Salzwasser erfrischen und anschließend wieder locker flockig auf der Tribüne Platz nehmen zu können, ja die kann schon Neid erwecken.
Die zweite Halbzeit ist dann geprägt vom Grübeln, wie ich die ganze Kulisse hier vernünftig fotografisch eingefangen bekomme.
Irgendwann erspäht das trainierte Auge dann eine Empore des großen Mehrparteienhauses gegenüber, auf die man sich offensichtlich von der Straße aus raufhieven kann.
Also geht’s mit klarem Auftrag mit Abpfiff raus aus der Bude und nach kurzer Klettereinheit krieg ich tatsächlich wenigstens noch die Derbysieg-Feierlichkeiten mit der Linse festgehalten.
Bildhübsch liegt es da, das Paolo Poli und wär da nur nicht schon wieder dieser unsägliche Kunstrasen… es wäre ein Kandidat für viel mehr.



