Von der Sehnsucht nach dem Orangenen Ball

Ein Dreierpack hätte es sein sollen zum Start ins Fussballjahr 2026. Schon die Ansetzungen in der Championnat National 3 sahen vielversprechend, die Terminierung der Sechzehntelfinalspiele des Coupe de France dann nach der Kirsche auf unserer ersten Torte des Jahres aus. In schlechter Cherrypicker-Manier naschen wir am Ende nur das Zückerli, die Masse der Tarte bleibt uns dagegen verwehrt. Der Plan war nämlich für die Katz und am Spieltag nur noch Schnee von gestern. Oder doch der von heute?

Zu schön um wahr zu sein

Das eines Winters würdige Wetter dieser Tage und Wochen hatte mich zeitweise damit liebäugeln lassen mit einem Spiel im Schneegestöber ins neue Kalenderjahr starten zu dürfen. Die vage Hoffnung darauf, endlich mal wieder den Orangenen Ball im Pflichtspieleinsatz zu sehen, platzt jedoch in Form einer Welle von Spielabsagen, die ab Donnerstag nach und nach eintrudeln. Ursprünglich stand das Stade Roger-Serzian, wo die heimische ASM Belfortaine um 17 Uhr den ehemaligen Erstligisten aus Mulhouse hätte empfangen sollen, ebenso auf dem straffen Tagesplan wie die Spielstätte der Zweitvertretung des FC Sochaux. Im Stade René Blum wäre ab 14:30 Uhr der vor ein paar Jahren neu gegründete Thonon Évian Grand Genève FC zu Gast gewesen, dessen Vorgängerverein Évian Thonon Gaillard aus den Kurstädten am Genfer See ebenfalls noch in den 2010ern erstklassig war. Eine enge Taktung, bei der ein Zahnrad ins andere gegriffen hätte, aber andererseits auch viel zu geschmeidig war, um so wirklich zustande zu kommen. Insofern nur folgerichtig, dass der Wettergott uns da einen Strich durch die Rechnung macht. Wobei, allein der Wettergott? Wir vermissen schon etwas die Zeiten, in denen alle Parteien da noch etwas härter im Nehmen waren…

Der Notfallground

Gefahren sind wir trotzdem, wir hatten ja eh bereits Karten für das sportliche Highlight des Trips, müssen uns aber mit Vorbands begnügen, die eine Nummer kleiner sind. Und in Testspielen antreten. Auf Kunstrasen. Nicht den Jahresauftakt, den man sich wünscht, aber man nimmt eben, was man bekommt. Das Stade de l’Au ist immerhin vor dem Hinblick ganz nett, als dass es im Dreiländereck auf den wenigen hundert Metern zwischen Rhein und dem Euro-Airport Basel-Mulhouse-Freiburg liegt. Zumindest für die Landkarte also ein reizvoll gelegener Ground, der obendrein mit seiner Holztribüne auch optisch zu überzeugen weiß. Dankbar sind wir dem heimischen FC Saint-Louis Neuweg nicht nur für den klasse Kaffee oder dass er überhaupt spielt, sondern auch dafür, dass er die gebrochenen Holzplanken einfach mittels Absperrband markiert, anstatt den Zugang zur Tribüne gänzlich zu untersagen.

Der Sundgau versinkt im Schnee

Die gute Seite des witterungsbedingt entzerrten Spielplans ist freilich, dass mehr Zeit dafür bleibt, uns den kulturellen und historischen Aspekten dieser trotz ihrer geographischen Nähe vergleichsweise unbekannten Gegend widmen. Nach dem obligatorischen Käse-Einkauf und knapp einer Stunde Autofahrt über die Hügel des stark eingeschneiten Sundgaus erreicht uns die Meldung. Auch das Abendspiel ist für heute abgesagt und auf morgen 14 Uhr verlegt – eine sichere Anreise der Zuschauer sei bei dieser Wetterlage nicht mehr garantiert, meint die Präfektur zu wissen.

Also auf der Stelle Halt gemacht und das Bett für die Nacht gebucht. Es gibt gewiss schlimmeres als unverhofft in diesem Flecken Erde zu standen. In Belfort ist, wie der Name schon sagt, die Stadt eine einzige Festung. Die Garnisonsanlage geht auf Vauban zurück und umgibt mindestens die historische Stadt, die noch heute von Osten kommend nur durch mittelalterlich anmutende Tore befahrbar ist. Darüber wacht die große Zitadelle. Nach rund einer Stunde Sightseeing-Schneestapfen sind wir des – dem rutschigen Boden sei dank – permanenten Wachsamseins allerdings müde, dafür jedoch um sehr spezielle als auch erheiternde Eindrücke reicher. So erobern sich bspw. die Kids mit ihren Schlitten Belforts verwaiste Straßen und Gassen zurück. Wir haben uns jetzt eine Stärkung redlich verdient, gerade rechtzeitig öffnen da ab 18:30 Uhr die ersten Restaurants. Unsere Wahl fällt auf eine Gaststätte, die Elsass und Franche-Comté gastronomisch miteinander vereint und glücklicherweise noch einen letzten Zweiertisch für uns frei hat. Unter dem rauen Einfluss der umliegenden Mittelgebirgslandschaften stehend zeichnen sich beide Regionalküchen insbesondere dadurch aus, auf Basis lokaler Käse-, Wurst- und Fleischspezialitäten herzhaft-gehaltvolle Gerichte zu zaubern, vorzugsweise ergänzt durch eine Kartoffelbeilage. Mein innerliches Genussverlangen ist einmal mehr bestens befriedigt und es kann ab in die Heia gehen.

Der Spieltagsmorgen

Das für unschlagbare 3,50 Euro zubuchbare Frühstück ist mit Ausnahme der gesalzenen Butter zwar ausschließlich süß, durch die solide Brot-, Joghurt und Kaffeeauswahl lässt sich damit aber dennoch eine sehr passable Grundlage für den Tag schaffen. Am Hotel werden dann anschließend noch ein paar Sätze mit den Gäste-Fans gewechselt. Bei rund sechs Stunden Anfahrt aus dem Nord-Pas de Calais kam die Absage am Nachmittag auch für Sie natürlich reichlich spät und es musste ebenfalls kurzfristig eine Unterkunft her. Dass ich für heute parteiisch sei, das lasse ich mir zwar nicht entlocken, drücke den Lensois aber meine unbedingte emotionale Unterstützung im Rennen um die französische Meisterschaft aus.

Montbéliard, deine Grounds

Kurioserweise ist es mein zweiter Aufenthalt in Montbéliard innerhalb relativ kurzer Zeit. Bereits vergangenen Juli hatte ich das gemütliche Städtchen im Rahmen unserer Fahrt zur Tour de France als Etappenpunkt zur Besichtigung vorgeschlagen. Deren letztjährige Austragung führte sie am vorletzten Tag ins ziemlich genau 100 km entfernte Pontarlier und der Arrondissement-Hauptort lag somit genau auf unserem Weg. Hundert Kilometer, die einem angesichts der Straßen, die den Naturpark „Doubs Horloger“ durchqueren, allerdings eher wie zweihundert vorkamen. Seinen Namen verdankt das Naturschutzgebiet dem Uhrmacherhandwerk, das im französischen Jura ebenso wie auf Schweizer Seite seit Jahrhunderten gepflegt wird. Die Gegend ist Heimat des hier omnipräsenten Comté-Käse und ein echter Geheimtipp für all jene, die für ein paar Tage dem Zivilisationsstress den Rücken kehren, sich stattdessen grünen Weiten zuwenden möchten.

Aber zurück in den heutigen Spielort. Am winterlichen Sonntagmorgen präsentiert sich der Arrondissement-Hauptort von einer verschlafenen, fast menschenleeren Seite. Montbéliard ist in erster Linie bekannt für sein auf einer innenstadtnah gelegenen Anhöhe erbautes Württemberger-Schloss sowie das große Peugeot-Museum im unmittelbar angrenzenden Sochaux. Neben der prächtigen Église Saint-Maimbœuf richtet sich unser Entdecker-Fokus aufs Spotten der einiger über das Agglomerationsgebiet verstreuten Grounds. Obwohl die Tribüne des kommunalen Stadions in Sochaux mit ihren Retro-Leuchten am Dach und der Unterteilung in einen mehrstufigen Stehbereich und den Sitzreihen darüber auf die klassisch-nostalgisch Weise gefällt, bleibt sie nicht unser vormittäglicher Favorit. Das Rennen macht nämlich die Freizeitgruppe, deren Frühschoppen-Kick heute trotz äußerst widriger Bodenverhältnisse auf dem Platz im Stadtpark „de la Banane“ stattfindet. Eingebettet ins verschneite Panorama des dahinter liegenden Rugby-Feldes, der Flutlichtanlage und dem eigenwillig gekrümmten Wohnblock, dessen Form dem gesamten Areal seinen Namen stiftet. Verzückt von dieser Komposition verleihen wir dem Stade de la Banane schon an dieser Stelle unser persönliches Tagessieger-Etikett.

Stade Auguste-Bonal, Sochaux

Von der Schönheit des Fussballs in seiner Reinform berauscht geht’s dann langsam aber sich rein in den Spieltagstrubel. Das heutige Stade Auguste-Bonal trägt seinen Namen zu Ehren des 1945 ermordeten Vereinspräsidenten und wurde zur Jahrtausendwende auf dem Boden des alten Stadions errichtet. In der unmittelbaren Nachbarschaft versprühen die teils noch älteren Werkshallen auf dem großen Peugeot-Gelände reichlich Industriecharme. Kein Zufall, denn der hier gegründete Automobilbauer war es, der den Werksklub aus dem Vier-Tausend-Einwohner-Örtchen einst in die Beletage des französischen Fussballs hievte und bereits in deren ersten Jahren in den 1930ern zu nationalen Meisterschaften führte. Letztendlich hielt er ihn so lange im Oberhaus, dass die Sochaliens bis vor wenigen Jahren gar den Rekord für die meisten Erstligaspielzeiten innehatten. Da verwundert es nicht, dass der letzte Abstieg aus der Ligue 1 in eine Zeit fällt, als die PSA-Gruppe Anfang der 2010er Jahre in der Krise steckte. In der Folge schwand ihr Einfluss im Verein und der große Fussball aus der Region. Sowohl Peugeot als auch der FC Sochaux-Montbéliard leiteten den das Logo zierenden Löwen aus dem Wappen der Franche-Comté ab und passten sein Äußeres anschließend im Gleichschritt dem vorherrschenden Zeitgeist an.

Sochaux, sportlich inzwischen in der drittklassige Championnat National beheimatet, gab schon am Tag, an dem das große Los feststand, die Modalitäten des Kartenverkaufs bekannt: ab dem Folgetag seien die Billets ohne Einschränkungen erhältlich, ohne dabei jedoch eine Uhrzeit zu nennen. Erwartungsgemäß brach der Onlineshop am 23. Dezember zusammen und war mehrere Stunden gar nicht verfügbar, bis wir am Nachmittag dann tatsächlich zwei Karten für den Oberrang ergattern konnten. Interessanterweise setzte der FCSM den Verkauf an die breite Öffentlichkeit nach Weihnachten bis zum Dreikönigstag aus um den Dauerkartenbesitzern ein verspätetes Vorkaufsrecht zu gewähren. Eine offizielle Erklärung des Zickzackkurses wurde nicht kommuniziert, über die Beweggründe lässt sich nur spekulieren.

Die Hoffnungen auf ein endlich mal wieder volles Haus im Stade Bonal bestätigen sich am Spieltag, auch wenn, wohl bedingt durch die kurzfristige Verlegung auf Sonntag, vereinzelt Plätze frei bleiben. Schwer nachvollziehbar ist allerdings, wieso man im Lager des Drittligisten von der guten Resonanz so überrascht worden zu sein scheint. Schließlich empfängt man niemanden Geringen als den Verein, der über eine der besten und treuesten Anhängerschaften des Landes verfügt. Die Lensois, deren stimmungsvolle und bei allen Heimspielen vom ganzen Stadion vorgetragene Hymne „les Corons“ mittlerweile internationale Bekanntheit erlangt hat, reisen obendrein als aktueller Tabellenführer der Ligue 1 in den Nordosten der Franche-Comté. Und auch wenn der Gästeblock nicht vollständig gefüllt ist, haben die Fans des Nordklubs ihr Kontingent definitiv mehr als abgenommen. Auf allen Seiten des Stadions mischen sich die Träger der gelb-roten Schals und Mützen in friedlicher Koexistenz unter die Heimfans, nicht selten auch innerhalb der Familien- und Freundesgruppen. Wie Sochaux ist auch der RC Lens ein echter Traditionsverein in Frankreich, der schon in den Gründungszeiten der Liga in den 30er-Jahren erstklassig spielte, als die Klubs aus eben jenem Kohle- und Bergbaurevier um Lille und Roubaix die französische Fussballszene dominierten. Auf der Grundlage dieses Malocherkults hat sich der Racing Club ein bodenständiges Image erschaffen und bewahrt, das ihm – in etwa vergleichbar mit Schalke 04 – in der ganzen Republik Sympathien einbringt.

Bevor wir final Platz nehmen, sichere ich mir noch meine Stadionverpflegung. Die Wahl fällt auf den Kartoffel-Reblochon-Auflauf aus der XXL-Pfanne, der heute in Ergänzung zum üblichen Wurst- und Sandwich-Menu angeboten wird. Die sog. Tartiflette ist zwar stolze 10,- Euronen schwer, bei Temperaturen knapp über dem Nullpunkt aber absolutes Soulfood und somit definitiv die Erfahrung wert.

Während das Stadion von außen eine recht triste Erscheinung ist, macht es von den Rängen aus, speziell durch die das Dach tragenden Holzbalken eine freundlichen Eindruck. Die klassischen Werbebanden ohne digitalen Firlefanz und die dunkelblauen Banner des FFF, die der Arena heute ihr Pokalgesicht verleihen, ergeben insgesamt einen schonend-angenehmen Effekt für das Auge des Zuschauers.

Beide Mannschaften starten direkt mit offenem Visier in die Begegnung, überbrücken das Mittelfeld ganz oder mit wenigen Kontakten und kommen gut hinter die letzte Linie – die Partie ist schnell und unterhaltsam. Kurz vor Ihrer Mannschaft stellen die Red Tigers bereits im Block auf null zu eins, ihre Pyro-Einlage steht im Zeichen der Trauer um einen zu früh verschiedenen Bruder. Während der Racing Club hauptsächlich aufgrund der schlechten Chancenverwertung zur Halbzeit nur die Eins auf der Habenseite steht, fehlt bei Sochaux die letzte Genauigkeit und die Null ist damit folgerichtig. Die Leistung ist des Anlasses dennoch würdig, immer wieder kommt Gefahr nach den nicht wenigen hohen Ballgewinnen und den Durchbrüchen der beiden trickreichen Akteure auf der Außenbahn auf. Die finalen Zuspiele in die Spitze kommen aber entweder nicht an oder scheitern an der schlechten Verarbeitung im Sturm. Nach dem Seitenwechsel stehen die Gäste deutlich stabiler. Der Underdog schafft es nicht mehr in seine Tempogegenstöße zu kommen, spätestens nach der Auswechslung der offensiven Aktivposten ist die Messe dann gelesen. Lens stellt in den Schlussminuten mit den Toren zwei und drei ein in die heutige spielerische Überlegenheit in etwa widerspiegelndes Ergebnis her, worauf wir unmittelbar nach Spielende und mit 17-stündiger Verspätung die Heimreise antreten.