Ja, durch sieben Schüsseln musst du geh’n 🎶

Oder doch lieber: „Dieses Siebenbürgen muss man seh’n“? Irgendwie so und frei nach dem vielleicht bekanntesten Sohn der Region hat der CALCIONAUT zwei Konnaisseure entsandt um dort eine illustre Sammlung an Grounds einzusacken. Ganze sieben sind es dann doch nicht geworden, und dennoch war es eine Reise, bei der alle Parameter gepasst haben: schönes Wetter, gutes Essen, freundliche, zuvorkommene Menschen und natürlich ganz eigene, in Deutschland nicht (mehr) mögliche Stadien.

Als Ausgangspunkt für unsere Mission hier haben wir Sibiu ausgewählt, es ist bereits mein zweiter Aufenthalt hier. Die inmitten der rumänischen Karpaten-„Sichel“ gelegene Stadt ist zugleich das historische Siedlungszentrum der Siebenbürger Sachsen. Diese Spuren schlagen sich in vielen deutschen Orts- und Straßennamen nieder, in den Gaststätten wird man noch häufig auf deutsch bedient. Zwar ist die Minderheit in den letzten Jahrzehnten zahlenmäßig kontinuierlich geschrumpft, dennoch zeichnet sie in Form der Partei DFDR maßgeblich verantwortlich für die Geschicke der Stadt, deren Bürgermeister sie seit über zwanzig Jahren stellt. Auch der vormalige rumänische Ministerpräsident Klaus Iohannis entstammt der Hermannstädter Kommunalpolitik.

Bereits 2007 war Sibiu europäische Kulturhauptstadt und diese Auszeichnung verstand die Stadt offensichtlich auch nachhaltig als Ansporn. Das macht sie zu einem ganzjährig lohnenden Reiseziel. Das sich aus Ober- und Unterstadt zusammensetzende Zentrum überzeugt mit seiner aufgeräumten und baulich gelungenen Erscheinung, der Besucher kann sich angesichts der hier gepflegten, entspannten Lebensart genüsslich zurücklehnen. Die wechselhafte Geschichte spiegelt sich nicht nur in der Architektur und der Vielzahl an Kirchen unterschiedlichster Konfessionen wider, sondern auch in ihrem anspruchsvollen Kulturprogramm. Von ungefähr kommt das nicht, verfügt die Stadt für rumänische Verhältnisse über eine leistungsstarke Wirtschaft, die sich nicht zuletzt auch aufgrund der Investitionen deutscher Unternehmen als vergleichsweise robust und zukunftsfähig erweist.

Nach der vormittaglichen Stadtbesichtigung und beim Bummel über den Zibinsmarkt üppig mit Plăcintă als Proviant eingedeckt starten wir unsere Tour gen Westen. Der Weg an diesem Freitag Mittag führt uns in die Peripherie nach Cugir. In der Kleinstadt mit dem fast schon Vegas-liken Ortseingangsschild geben wir uns selbstverständlich nicht allein mit der konform gekreuzten Spielstätte des hiesigen Drittligisten zufrieden. Nein, die nicht mehr (regelmäßig) bespielte und offenbar nur noch zu Trainingszwecken genutzte, brutalistische Bruchbude muss unbedingt gespottet werden. Wo in Deutschland aufgrund von Einsturzgefahr der Zutritt gewiss strengstens untersagt wäre, stehen die Schleusen hier sperrangelweit offen. Das alte Stadionul Metalurgistul hält in der ihm eigenen, so wunderbaren Schlichtheit und Überdimensioniertheit am Ortsrand seinen Dornröschenschlaf. Das Teil ist Ostblockcharme in Reinform und wartet regelrecht darauf von einem Lost-Ground-Event wachgeküsst zu werden.

Der 14:00-Kick zwischen Cugir und Universitar Alba Iulia ist gut besucht sportlich ein ordentlicher, aber noch nicht überwältigender Einstieg und endet mit 2:1 für die Hausherren. Am Ground selbst überzeugt dessen Eingangsportal, die Rückansicht der Haupttribüne weiß dagegen weniger zu gefallen.

Nach einer kleinen nachmittäglichen Stärkung geht es für uns weiter ins rund eineinhalb Autostunden entfernte Cluj-Napoca. Rumäniens einstiger sozialistischer Diktator Ceaușescu fügte seinerzeit den Zusatz an, um auf die römischen Ursprünge der Ansiedlung zu erinnern – im Volksmund angekommen ist diese Initiative jedoch nicht. Die Strecke entlang der Trascâu-Berge, die zur Apuseni-Formation und damit nicht etwa zu den Karpaten gezählt werden, ist bestens ausgebaut und ausgeleuchtet, was auch die spätabendliche Rückfahrt absolut unbedenklich gestaltet.

Wie in Hermannstadt findet man in Klausenburg eine bilinguale Umgebung vor, die zweite Verkehrssprachen neben Rumänisch ist allerdings Ungarisch – knapp ein Fünftel der Einwohner hier sind Magyaren. Bevor es uns in die Arena zieht, haben wir noch ausreichend Zeit der zweitgrößten Stadt des Landes zumindest einen abendlichen Anstandsbesuch abzustatten. Als Schmankerl bietet der örtliche Betreiber die Nutzung seiner Nahverkehrsmittel freitags kostenlos an. Die Innenstadt weiß zu gefallen und hier setzt man dann doch seine römischen Geschichte in Szene. Unweit der hell erleuchteten Michaelskirche und der Matthias-Corvinus-Statue sind, direkt auf der zentralen Piața Unirii, Ausgrabungen ausgestellt und auch die Skulptur der Romulus und Remus stillenden Wölfin „Lupa Capitolina“ weist auf die Anfänge unter der Herrschaft Roms hin. Die auch zu später Stunde noch offenen Marktstände reißen uns schier, trotz vollem Magen, zum Kauf einer Lángos-Spezialität hin, wir lassen dann aber doch die Vernunft walten. Dann geht’s mit der Straßenbahn zurück in Richtung Stadion, wo wir unser Auto zuvor abgestellt haben.

Cluj Arena, Cluj-Napoca

Für jeweils 44 rumänische Lei erstehen wir Karten für die Gegentribüne. Wir sind recht spät im Stadioninnern und in ihrer angestammten Hintertorkurve machen die Ultras von Universitatea, von allen nur „U“ genannt, schon kräftig Radau. Die Akustik des weiten Runds mit Laufbahn ist besser als erwartet und die Lautstärke kommt auch bei uns, die wir uns fast am anderen Ende des Stadions aufhalten, überraschend gut an. Die rund 30.000 Zuschauer fassende Cluj Arena ist ein Multifunktionsbau mit ebenerdig integrierten Geschäftsräumlichkeiten und wurde erst 2011 eingeweiht. Hauptsächlich aus Kostengründen setzte sich der schließlich umgesetzte Entwurf gegen ein Konzeption englischer Prägung durch. In ihrer jetzigen Form hat Universitateas Heimspielstätte etwas eigenes, bedient sie weder das Klischee der modernen Fussball-Arena noch das des olympischen Ovals so ganz.

Das Spiel selbst ist schnell erzählt. Mit der frühen Führung stellt das auch von den Namen her prominenter besetzte U zügig die Vorzeichen auf Heim- und damit Favoritensieg. Für die Schwarz-Weißen stehen immerhin die rumänischen Alt-Internationalen Alexandru Chipciu und Dan Nistor sowie der Serie-A-erfahrende Ex-Laziali Alessandro Murgia auf dem Platz, die Tore erzielen aber andere. Die einseitige Partie endet schlussendlich mit 4:0 und die Gastgeber sind damit fix für die Meisterrunde qualifiziert.

Kaum haben wir an unserem Platz ein paar Sätze ausgetauscht, dreht sich ein Heimfan zu uns um und wendet sich in nahezu akzentfreiem Deutsch an uns. Im Verlauf des freundlichen Gesprächs erfahren wir, dass U der in Cluj weitaus populärere Klub sei. Das in Deutschland aufgrund seiner häufigen Sichtbarkeit im Europapokal wohl bekanntere CFR Cluj, der Klub der Eisenbahner, habe zwar im Laufe der Geschichte wesentlich mehr Titel gewonnen. Dennoch könne man im Norden der Statdt von einem Zuschauerzuspruch wie bei Universitatea nur träumen. Dann stimmt er in den durch’s Oval schwingenden Schlachtruf „Haide U“ mit ein.

In der Halbzeit folgen wir dem Herdentrieb, bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt wollen wir uns mit einem Tee aufwärmen. Das babbsüße Gesöff ist allerdings wahrlich kein Genuss und höchstens Mittel zum Zweck. Als ich diese Ansicht mit unserer neuen rumänischen Bekanntschaft teile, stimmt er mir zu und schiebt nach, das sähen hier die meisten so. Das Stadion-Catering – offensichtlich nicht nur in Deutschland ein häufiges Ärgernis.

Sein heute sportlich chancenloser Auftritt ändert übrigens nichts daran, dass auch der heutige Gastverein ein paar Sätze verdient. Galați liegt in der Region Westmoldau im Osten Rumäniens. Das 1964 gegründete Oțelul, 2011 noch Landesmeister, ging 2016, inzwischen zweitklassig, konkurs. In der Hoffnung den Niedergang abwenden zu können setzte man unter anderem auch auf die Dienste von Ewald Lienen, der hier bis Juni 2014 tätig war. Noch im Jahr der Auflösung des alten Vereins fing eine Faninitiative anschließend ganz unten und auf eigene Kosten neu an. Mit großem und nachhaltigem Erfolg, denn mittlerweile ist man wieder im gesicherten Mittelfeld der Beletage angekommen. Auf diese Weise erklärt sich, warum der auch im Wappen festgehaltene Vereinsname „Suporter Club Oțelul Galați“ lautet.

Und die bedingungslose Aufopferungsbereitschaft Fans für ihren Klub ist ungebrochen. Knapp zwanzig Jungs und Mädels beehren den natürlich dennoch sehr spärlich gefüllten Gästeblock. Am Ende unserer zweistündigen Rückfahrt just beim Abfahren nach Sibiu von einem Neuner-Mercedes-Bus mit der unzweifelhaft zuordenbaren Aufschrift SC Oțelul Galați überholt – unsere Erheiterung ist perfekt. Nachts um halb Eins haben die Insassen von hier aus noch immer sechs, sieben Stunden Autofahrt vor sich – vollsten Respekt, das ist Vereinsliebe!