Birmingham ist ein Ort der Gegensätze, der Konfusion. Und auch sportlich lief es für die von uns besuchten Vereine nicht nach Plan. Überraschend stabil präsentiert sich dagegen das, was man im englischen März am wenigstens erwartet: das Wetter hält.



Alte, aus viktorianischer Epoche stammende Klinkerbauten stehen hier in direkter Nachbarschaft zu modernen Bürohochhäusern und spiegeln sich in deren stahlblauen Glasfassaden. Schon bei unserer Ankunft am futuristisch-eigenwilligen Bahnhofsgebäude „New Street“ fällt der Konflikt sofort ins Auge. Am zentralen Schienenverkehrsknoten von Englands zweitgrößter Stadt, spielen die Architekten mit der Reflektion des Lichts. Die je nach Position in unterschiedlichem Winkel zum Boden oder gen Himmel gerichtete Außenverkleidung sorgt für ständig und mit Stand der Sonne und Wolken wechselnde optische Eindrücke. Auf diese Weise wird dem Bahnreisenden die Heterogenität der Straßenzüge rund um Hauptbahnhof und dem Bullring-Einkaufszentrum gezielt verdeutlicht. Sie sind nicht nur Ausdruck vollkommen unterschiedlicher architektonischer Vorstellungen, sondern bezeugen auch ganz konkret den Wandel vom produzierenden zum Dienstleistungsgewerbe.
Zur Vielfalt der Bauwerke gesellen sich mitunter riesige Brachen unweit, teils sogar inmitten des Zentrums, auf denen groß angelegte Bauarbeiten laufen und diese Dynamik unterstreichen. Wieder andere scheinen in halbfertigem Zustand dauerhaft zum Erliegen gekommen zu sein.



Dieses Wirrwarr kann den Betrachter schnell an die Grenze zur Reizüberflutung bringen. Und auch sonst ist die inoffizielle Hauptstadt der West Midlands kein Ort für jemanden, der auf der Suche nach Erholung für Seele und Geist ist. Allenfalls die Langsam- und Bedächtigkeit der gut ausgebauten, fast ein Vierteljahrtausend alten Wasserstraßen bringt etwas Entschleunigung ins rege Treiben des werktägigen Stadtverkehrs. Das weit verzweigte, sich beinahe über das ganze Stadtgebiet erstreckende Kanalsystem war einst Pulsader der Industrialisierung. Kein Geringer als ein gewisser James Watt wirkte und tüftelte einst in Birmingham. Der Schotte entwickelte hier zusammen mit dem lokalen Unternehmer Matthew Boulton die Dampfmaschine, die sich zur Triebfeder der industriellen Revolution aufschwingen sollte. Wenig erstaunlich ist da, dass kaum eine andere englische Region von dieser Zeit so sehr geprägt wurde, wie die „Stadt der tausend Gewerbe“ mit all ihren Fabriken sowie das westlich gelegene Black Country, dass die Werkhallen mit Energie und Rohstoffen versorgte. Bis heute weist das Jewellery Quarter eine weltweit unerreichte Dichte an Schmuckherstellern und -händlern auf und noch immer stammt nahezu die Hälfte des im Königreich verkauften Schmucks aus den Spezialwerkstätten und Schaufenstern des Viertels.
Die größeren Werkhallen dagegen sind Zeugen einer vergangenen Zeit, stehen reihenweise leer oder sind ganz anderen Nutzungszwecken überführt worden. Auch das Wasserstraßennetz kann damit heute einen anderen Zweck, einen Naherholungsauftrag erfüllen. Das Schlendern entlang der Kanäle hält einige sehenswerte Abschnitte wie die „Old Turn Junction“, die nahe der Cambrian Wharf vor Anker liegenden Hausboote oder die Black-Sabbath-Bridge bereit und entspannt merklich. Ringsum säumen die Inns und Taverns den Wasserlauf und laden zur Einkehr auf ein Pint ein. Und auch die multifunktionale Utility Arena wurde gewiss nicht zufällig in dieser Umgebung errichtet.



Ansonsten herrscht, in diesem Schmelztiegel der Kulturen, jedoch permanent Trubel. „Brum“ gilt als die Stadt mit der höchsten Migrationsrate Großbritanniens. Die stärksten Einwanderergruppen stammen traditionell aus den ehemaligen Kolonien in Pakistan und Jamaika, dazu gesellen sich Zugezogene aus aller Herren Länder. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, wurde bspw. der Green-Lane-Komplex, eines der bekanntesten Bauwerke der Millionenmetropole, schon in den 1970er Jahren zu einer Moschee umfunktioniert. Der im viktorianischen Stil errichtete Backstein- und Terrakotta-Bau fungiert heute als Zentrale einer Reformbewegung südasiatischer Muslime, beherbergte jedoch ursprünglich eine Bücherei sowie eine Badeanstalt im Stadtteil Small Heath. Das früher besonders harte Arbeiterviertel erlangte in der Serie „Peaky Blinders“ als Heimat der Shelby-Brüder internationale Bekanntheit und ist ebenso der Standort des 1906 errichteten St. Andrew’s Stadium.
Bevor wir dorthin pilgern, kehren wir jedoch unweit des Sakralbaus im Cricketer’s Arms ein. Ein Stadionbesuch ohne in vernünftiger Umgebung eingenommenes Pre-Match-Ale ist in England ja schließlich nur die halbe Wahrheit – meine Empfehlung des Tages ist übrigens das leicht bittere, rötliche Tetley.
Der schlicht eingerichtete, aber einladende Pub ist Treffpunkt vieler Blues-Fans, aber auch die Gäste-Fans aus Middlesbrough können hier bedenkenlos einkehren. Die Atmosphäre ist und bleibt entspannt, über die Vereinsfarben hinweg flachst man miteinander über das bevorstehende Spiel und alles andere.



Schnell fallen an den Wänden mehrere Deko-Artikel ins Auge, die von der sechs Spiele langen Ungeschlagen-Serie von 2002 bis 2004 gegen den Erzrivalen Aston Villa zeugen – Citys letzte wirklich gute Zeit im Oberhaus liegt inzwischen mehr als zwanzig Jahre zurück.
So kommen wir an unserem Tisch mit den Locals auf den Trophäenschrank von City zu sprechen, mit nur einem einzigen League Cup ist die Vitrine fast gänzlich verwaist – übrigens exakt dieselbe Bilanz wie die von Boro.
Trotzig stellen wir jedoch fest uns darin einig zu sein, dass die Zeiten, in denen man sich über Titelgewinne und im Grunde generell die sportlichen Erfolge definiert, ja ohnehin vorbei seien. Vielmehr gehe es stattdessen um Identität. Schnell landet man da im Gespräch mit Anhängern von Birmingham City bei Jude Bellingham – voller Stolz sprechen sie hier von ihrem einstigen Juwel. Seit seinem Wechsel nach Dortmund wird seine Rückennummer nicht mehr vergeben. Durchaus beachtlich in Anbetracht dessen, dass der zweifellos für höheres und schon damals zum Spielführer berufene den Klub bereits im Teenager-Alter verließ.
Damit trat er in die Fußstapfen des einzigen wohl noch größeren Spielers, den die Blues in ihrer langen Geschichte hervorgebracht haben.
Auf einem Wandbild an den Turnstiles zum Tilton End prangen der beiden Konterfei nebeneinander, der nach ihm benannte Francis Walk verläuft vor dem uralten Main Stand und sein Abbild ist der zentrale Anlaufpunkt auf dem Vorplatz. Trevor Francis spielte die ersten neun Jahre seiner Karriere für City. Er debütierte schon im zarten Alter von Sechzehn und erzielte in seiner Premierensaison dieselbe, für einen Teenager herausragende, Anzahl Tore. Dennoch blieb er seinem Stammverein lange treu, obwohl der schnelle, wendige und technisch versierte Angreifer, in einer echten Dürreperiode der englischen Nationalmannschaft Ende der 70er-Jahre ihr torgefährlichster Akteur, gewiss schon weitaus früher das Interesse der Großen auf sich zog. Nach einem kurzen Abstecher in die USA avancierte er bei seinem endgültigen Abgang schlussendlich zum ersten Engländer, der die Ablöseschallmauer von 1 Mio. Pfund durchbrach. Unter Trainerikone Brian Clough war Francis bei seinem neuen Klub Nottingham Forest auf Anhieb und als Stammspieler mitverantwortlich für den zweimaligen Gewinn des Europapokals der Landesmeister. Doch genug geschwelgt, in der Gegenwart stürmt für die Blues kein Francis mehr, sondern ein mindestens ebenso eleganter Spieler namens Marvin Ducksch – also, get in there!


St. Andrew’s Stadium, Birmingham
Eckdaten der Begegnung
St. Andrew’s Stadium, Birmingham-Small Heath
Birmingham City F. C. – Middlesbrough F. C.
1:3
Mo., 02. März 2026 20:00 Uhr
35. Spieltag , EFL Championship
Die Drehkreuze passiert decken sich die beiden Calcionauten mit dem für 10 Pfund erträglich bepreisten Doppel aus Pie und Ale ein – persönlich bin ich ein Fan des heiß servierten englischen Gastroklassikers.
Die in Plastik abgepackte fertige Form, die man in den Stadien verständlicherweise „darbereitet“ bekommt, ist aus umweltverträglichen Gesichtspunkten ein Wermutstropfen. Andererseits garantiert sie immerhin ein gewisses Grundniveau, welches das heutzutage und vielerorts im Profigeschäft vorgefundene Speiseangebot schmerzlich vermissen lässt. Vielleicht und wahrscheinlich bin ich aber auch nur ein unwissender Tourist, der leider noch nie in den Genuss eines wirklich guten Pie gekommen ist.
Von unseren Plätzen am rechten Ende des „Tilton Upper“ haben wir besten Blick auf den völlig aus der Zeit gefallen erscheinenden Main Stand, der die guten alten, aber auch rauen Zeiten des englisches Fussballs regelrecht atmet. Persönlich schätze ich es sehr, dass man es in England vielerorts schafft, diesen originären Charakter in heute noch für Spitzenfussball genutzten Stadien zu bewahren.
Dass Birmingham City den Bau eines Mega-Stadions mit über 60.000 Plätzen plant, muss man da erst mal ausblenden und den Moment umso mehr genießen. Das Vorhaben mutet größenwahnsinnig an, wenn man es in den Kontext der tendenziell eher geringeren Kapazitäten englischer All-Seater-Grounds setzt und sich obendrein vor Augen führt, dass die heutigen Gastgeber vergangene Spielzeit noch in der League One spielten. Seit dem Abstieg in die dritte Spielklasse machte sich jedoch eine Jetzt-Erst-Haltung rund ums St. Andrew’s breit. Der Zuschauerzuspruch ist konstant hoch, auch heute Abend ist die Bude quasi ausverkauft. Der sofortige Wiederaufstieg gelang 2025 auf äußerst souveräne Art und Weise mit selbst für die 24er-Mammut-Liga beeindruckenden 111 Punkten. Und auch zurück in der Championship knüpft man an die guten Leistungen an. Fernab der Abstiegszone spielt man eine sorgenfreie Saison und hat noch Aussichten auf eine Teilnahme an den Play-Offs. Um diese Hoffnungen weiter zu konkretisieren, sollte man heute am besten nachlegen, gegen den Tabellenzweiten aus dem Nordosten des Landes allerdings keine einfache Aufgabe.
Der Middlesbrough F. C. ließ sich trotz des Abgangs von Trainer Rob Edwards inmitten der Saison nicht aus der Bahn bringen und führt seit November die starke Runde unter dem Schweden Kim Hellberg stabil fort. (Anm. d. Red.: Das galt jedenfalls bis zum Zeitpunkt dieses Spiels – danach setzte bei Boro eine Sieglosserie ein, die zuletzt den direkten Aufstiegsplatz kostete)
Die Mannschaft besteht aus gewachsenen und Championship-erfahrenen Stützen wie Dael Fry, Alan Browne, Matt Targett und Luke Ayling. Mit Mittelfmann Hayden Hackney weiß man außerdem einen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in seinen Reihen, der sich zum momentan wertvollsten Spieler der Liga gemausert hat. Begleitet werden die Teessider von ihrer gewohnt treuen Anhängerschaft in beeindruckender Zahl. Der Gästeblock ist ausverkauft, bei der durchaus nennenswerten Distanz und zu dieser Anstoßzeit ist das keine Selbstverständlichkeit.
Da die Partie für den TV-Coverage-Slot am Montagabend ausgewählt worden ist – nein, das englische Unterhaus läuft leider nicht im Deutschen Sport-Fernsehen –, kommen wir heute auch in den Genuss der fürs Fernsehbild ausgestalteten Einlaufzeremonie. Die zweiundzwanzig Akteure betreten durch ein Spalier von Feuer-Fontänen hindurch die in einen von orchestriert erzeugten Pyro-Rauchschwaden benebelte Spielfläche.


Von der erwartungsvollen und guten Stimmung getragen starten die Hausherren schwungvoll in die Begegnung, ihnen gehört die erste Viertelstunde, ohne sich dabei jedoch die ganz klare Torchance zu erspielen. Anschließend schafft es Boro mehr und mehr die Oberhand zu erlangen und braucht dann auch nicht lange um den Spielverlauf auf seine Seite zu ziehen. Ein Doppelpack vom nominellen Linksverteidiger mit dem so treffenden Namen Matt „on“ Target(t) stellt zur Pause auf 0:2. Die Heim-Fans zeigen dafür kein Verständnis und noch weniger Fingerspitzengefühl, ihre zunehmend stärker verunsicherte Truppe schicken sie unter einem gellenden Pfeifkonzert in die Katakomben des St. Andrew’s.
Vielleicht wissen die Blues-Fans aber einfach, wie sie ihr Team kitzeln können, denn auch in die zweite Hälfte kommt die Heimelf besser rein. Und dieses Mal kann sie sich auch belohnen: Marvin Ducksch verkürzt wenige Minuten nach Wiederanpfiff. Die Startoffensive erweist sich allerdings kurz darauf als Strohfeuer, die Gäste antworten im Stile einer Spitzenmannschaft, treffen fast unmittelbar darauf zum 1:3 und die Gastgeber damit ins Mark. In der Folge kommt keine Spannung mehr auf, zu abgezockt spielt Middlesbrough das Spiel zu Ende und den Vorsprung ins Ziel.
Was heute wieder auffällt und die bisherigen sowie die in den folgenden Tagen noch gemachten Eindrücke aus England bestätigt: das Publikum bei den Vereinen, speziell jenen unterhalb der Premier League, bildet in keinster Weise den Querschnitt der Gesellschaft ab. Die moderne Multikulti-Nation UK findet auf den Rängen der EFL-Grounds kaum bis gar nicht statt.
Die Gründe hierfür dürften vielschichtig sein. Ist es die mediale Omnipräsenz der Überklubs, die den Nachwuchs umgarnt? Und die bei Einwandererkindern, die ohne Sozialisierung zu einem bestimmten Klub aufwachsen, dann ungleich eher verfängt? Vermutlich hängt es darüber hinaus auch maßgeblich damit zusammen, dass in England die familiäre Vererbung der Vereinszugehörigkeit stärker als sonst wo praktiziert wird. Dass Vater und Sohn gemeinsam zum Spiel gehen, ist hier weitaus gängiger als bspw. in Deutschland, auch drei Generationen übergreifende „Gespanne“ sind nicht unüblich. Dazu kommt, wer einmal Season-Ticket-Holder ist, gibt seine Dauerkarte so schnell nicht wieder ab – oder den Staffelstab eben familienintern weiter. Migrantische Kinder orientieren sich dagegen eher an den Weltklubs des Spitzen- bzw. Glamourfussballs, die inzwischen weltweit die mediale Berichterstattung dominieren – den Weg ins Stadion des örtlichen Vereins finden sie eher nicht. Auf diese Weise ist es schwierig für sie den engen und bedingungslosen emotionalen Bezug aufzubauen, der notwendig ist, um die in diesem harten Geschäft vorausgesetzte Leidensfähigkeit aufbringen zu können. Selbstredend handelt es sich dabei um kein explizit englisches Phänomen. Rund um den Globus tragen die Kids und Teens heuzutage die Chelsea-Trikots und PSG-Trainingsanzüge spazieren – gerne auch kombiniert, je mehr zweifelhafte Superclubs, desto besser – man kriegt die Teile halt auch echt überall. Und dennoch stellt es besonders im Mutterland des Fussballs und gerade die Klubs an der Schwelle zwischen Non-League-Football und dem großen Geschäft vor die Herausforderung junges Blut in die alternde Zuschauerschaft und auf die Ränge zu bekommen. Die Premier-League-Giganten sind hier medial noch allgegenwärtiger als anderswo. Und für die jungen Leute ist Fussball eh mehr und mehr ein Content, den sie lieber auf dem vertikalen Bildschirm in Form von 10-Sekunden-Reels anstatt am Ort des Geschehens über noch dazu möglicherweise gähnend langweilige 90 Minuten konsumieren. So zumindest haben uns die grauen Herren der dann doch (noch) nicht gekommenen SuperLeague doch weismachen wollen – nun ja, ein bisschen was ist halt schon auch dran. Und so kann man von dieser Zielgruppe eben kaum erwarten, dass sie 25 Pfund für eine Eintrittskarte für ein Viertligaspiel zweier Mannschaften hinlegt, zu der sie keinen Bezug hat. Und am Ende, auf der Tribüne sitzend, per Sky oder gar in YouTube doch wieder den Großen zuzusehen – Short-Parade schlägt Schalparade sozusagen.
Bescot Stadium, Walsall
Eckdaten der Begegnung
Poundland Bescot Stadium, Walsall-Bescot
Walsall F. C. – Fleetwood Town F. C.
0:1
Di., 03. März 2026 19:45 Uhr
25. Spieltag (Nachholspiel), EFL League Two
Wie sich das nochmal zwei Klassen tiefer äußert, das dürfen wir uns tags darauf anschauen. Walsall liegt im Norden des Ballungsraums und empfängt im direkt an der Autobahn gelegenen Bescot Stadium Fleetwood Town zum Nachholspiel in der League Two. Der Weg vom Stadionbahnhof zum Ground führt unter der M6 durch. Die riesige für die vorbeifahrenden Autofahrer platzierte Reklametafel hat man auch von der großen Hintertortribüne stets im Blick – ihr Rücken kann allerdings nicht verzücken. Für stattliche 25 Pfund erstehen wir in diesem Block unsere Karten.



Der Lage weit abseits des Stadtkerns entsprechend dominieren Parkplätze und Betonflächen das Stadionumfeld. Exklusiv für Season-Ticket-Holder gibt es einen Fantreff in der Halle nebenan. Unmittelbar am Stadion stehen außerdem ein frei zugänglicher Imbiss- sowie Bierstand bereit, für die Youngster ist außerdem eine Torwand aufgebaut. Die Atmosphäre ist sehr entspannt, fast familiär und wir werden den Eindruck nicht los, dass hier auch gerade ältere, ehrenamtliche Helfer den Laden am Laufen halten. Sonderlich viele Fans finden sich jedoch nicht auf dem Vorplatz ein, was die Kulisse noch etwas trostloser erscheinen lässt. Die meisten Zuschauer kommen heute eher kurz vor knapp – irgendwo verständlich, an einem Dienstag.
Ins Bild passt da, dass der Imbissstand heute nur ein abgespecktes Angebot auffährt. Ich nehme mit dem Burger Vorlieb, der sich das Prädikat „überaus solide“ verdient. Dazu gibt’s ein Ale der lokalen NoFo Brewery, deren Logo bis vor kurzem auch die Brust der „Saddlers“ zierte. Das jedenfalls verrät mir die Tasse, die ich eben im Fanshop erworben habe und deren Design englandtypisch aus einer wilden Aneinanderreihung alter Trikots besteht.



Essen und Trinken gibt’s im Inneren des Bescot Stadium an den Verkaufsstellen in den Ecken sowie außerdem in den Katakomben des großen „Quasi-Main-Stands“ hinter dem Tor, wo eine Art Klubhaus mit Bildschirmen und großem Aufenthaltsraum untergebracht ist. Bei den doch sehr frischen Temperaturen am späten Abend wird dieser rege aufgesucht. Das Aufwärmmittel meiner Wahl ist heute aber ein Bovril, den englischen Klassiker muss ich bei dieser Gelegenheit unbedingt probieren. Da es so kalt dann heute auch wieder nicht ist, schieße ich mit der kochend heißen Rinderkraftbrühe regelrecht mit Kanonen auf Spatzen. Das arme Mädel, dass meinen Becher vor der Ausgabe umgeschmissen und sich dabei wohl oder übel den Oberschenkel verbrüht haben muss, tut mir da gleich noch mehr leid.
Auf dem Spielfeld ist das Geschehen überschaubar. Nachdem ich bislang nur Spiele in den ersten beiden Ligen gesehen habe, komme ich heute endlich mal in den Genuss der vielzitierten englischen Härte. Die wird in der League Two noch gepflegt, mangels VAR und dank einer entsprechenden Linie des Schiedsrichters kommen die Akteure teils auch bei ausgeprägten Ellbogeneinsätzen ohne Verwarnung davon. Was natürlich keinesfalls bedeutet, dass die Schurkentaten dem Publikum entgehen. Eine Aktion reicht aus und die Zuschauerschaft Anhang hat seinen „Wanker“ für den Abend gefunden – Pöbeln können hier alle Altersschichten. Auch die Platzverhältnisse runden das heute ungleich rustikalere Bild ab. Wo man zwei Klassen höher ein Grün zum Zungeschnalzen vorfindet, nehmen hier die schlammbrauen Stellen speziell in der Torräumen und entlang der Außenlinien Einfluss aufs Spiel. Limitiert durch den Untergrund, die eigenen technische Unzulänglichkeiten und – vor allen Dingen – mangels Spielidee können die Hausherren Fleetwoods Führung aus Mitte der ersten Hälfte zu keiner Zeit wirklich in Gefahr bringen. Die heikelsten Szenen resultieren tatsächlich aus langen Bällen auf den hochaufgeschossenen Abwehrhaudegen Flint. Der fungiert als Anspielstation und wird bei jeder Aktion gesucht – mit mäßigem Erfolg, da stets von drei Gegenspielern umringt und bearbeitet. Die von einem für die Anstoßzeit sehr respektablen Anhang begleiteten Gäste feiern einen Auswärtsdreier, der angesichts der sich abzeichnenden Mittelfeldplatzierungen beider Teams allerdings von begrenzter Bedeutung sein wird.
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