Ich wollte raus! Der Südwest-Hass-Gipfel am Freitagabend hatte in meinem Beisein seinen im Grunde vorhersehbaren und doch denkwürdigen Verlauf genommen. Dieses, wie kaum ein zuvor erlebtes, von Hass durchzogene Derby hatte schon für soviel Gesprächsstoff gesorgt, dass mir für den Rest des Wochenendes gewiss nicht nach noch mehr DFB-Pokal, sondern nach Kontrastprogramm zumute war.
Und was böte sich da besser an, als die Flucht nach vorn ins weite Sehnsuchtsland im Westen, wo dort an diesem Wochenende obendrein in der Franche-Comté der Coupe de France startete und das Elsass den Liga-Spielbetrieb wiederaufnahm. Vor allem aber dort, wo szenisch gelegene, mit pittoresk anmutenden Holztribünen gesegnete Grounds zwar seit einer Weile schon auf meinem Schmierzettel standen, aber teils noch immer drauf warte(te)n für die einschlägig bekannten Portale „kartographiert“ und verbildlicht zu werden. Das alles natürlich eingebettet in eine eindrucksvolle Landschaft, unverwechselbar garniert durch den immer leicht morbiden Charme französischer Gebäude. Aber der Reihe nach.
Samstag mittags in Bad Bellingen noch meinen ersten Markgräflerground gekreuzt, der allerdings weit weniger spektakulär war als sein – zugegebenermaßen eher inoffizieller – Name Rheinstadion es vermuten ließ, ging’s im Anschluss über die Grenze. Mission eins am Vorabend: der essentielle Genussmitteleinkauf im Carrefour. Das erledigt, kann’s weiter gehen zum sportlichen Höhepunkt: Runde eins im Coupe de France in der Région Bourgogne-Franche-Comté!
Nachdem ich die hübsche Tribüne des Stade Maroselli bereits weit vor Spielbeginn abgelichtet hatte, lag das Highlight schon hier schon hinter mir. Im Nachgang bekam ich von einer in Sachen Kunsthistorie wesentlich bewanderteren Person die Frage gestellt, ob die von Le Corbusier entworfen worden sei. Und ja, der Großmeister hat sich zwar im nur unweit von Luxeuil-les-Bains gelegenen Ronchamp in Form einer Kapelle verewigt, mit dem Stadion hat er aber nichts zu tun. Und das ist gut so, denn wer sich den Sakralbau mal anschaut, wird schnell befinden, dass ein klangvoller Name noch keine schönen Bauwerke macht – ganz im Gegensatz zu diesem Kunstwerk. Und dennoch, der magere Zuschauerzuspruch sowie das dünne Verpflegungsangebot, des Pays-de-Luxeuil FC, können mich nicht zum Bleiben bewegen, ich lasse den ziemlich sicher ersten Bäderstadt-Doppler meines Hopperdaseins leichtfertig sausen.



Meine Alternative liegt eine gute Viertelstunde entfernt und stößt vor allem noch später an. Im schnuckligen Saint-Loup-sur-Sémouse angekommen, bleibt mir noch Zeit dazu die zwei restlichen, bei Europlan noch nicht registrierten Grounds einzufangen, ehe es dann zum Spiel ins städtische Stadion geht. Der Sporting Club Saint-Loup-Corbenay-Magnoncourt empfängt die Gäste aus Magny-Vernois. Spielgemeinschaften und Mannschaften, die nicht Orte, sondern teils ganze Landstriche repräsentieren sind in dieser dünn besiedelten und wirtschaftlich abgehängten Gegend leider die weit verbreitete Realität. Andererseits ist das wenig verwunderlich, wenn man sich die absoluten Einwohnerzahlen der Gemeinden im weitgehend entvölkerten Département Haute-Saône vor Augen führt, die nur in sehr seltenen Fällen vierstellig sind.
Es mag vor diesem Hintergrund etwas verklärend erscheinen, und nichtsdestotrotz, ab hier folgen visuelle Eindrücke aus einem idyllischen Städtchen, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und einen selbst Jugendliche auf der Straße mit einer Freundlichkeit grüßen, von der man sich auf wenig menschliche Wärme eingestellter Allemand veräppelt vorkommt – so wie damals eben, als alles besser war!








Ach ja, das Spiel gewannen die Gastgeber übrigens 3:0. Félicitations et bonne chance pour le prochain tour!
Der nächste Morgen beginnt in aller Herrgottsfrüh um sechs Uhr, von dieser herrlichen Gegend mitten im Nirgendwo will ich sehen so viel es geht, ehe der sportliche Pflichtteil an den Ground ruft. Einige Impressionen von meiner Fahrt aus dem Plateau des Milles-Étangs quer durch die Südvogesen – inklusive der frisch kartographierten Groundperle in Ramonchamp.










Um 10 Uhr dann harter Anschlag, die 2. Mannschaft der US Oberbruck Dolleren lädt in ihre überaus ansehnliche Heimstätte zum heutigen Spiel in der District 5 – fussballerischer Schmackofatz in der 13. Spielklasse, sehr vernünftig! Der Verein aus dem oberen Dollertal hat ein ehemaliges Bahnhofsgebäude zu seinem Klubheim umfunktioniert und damit ein sehr gelungenes Beispiel für eine Umnutzung geliefert. Dort wo einst noch Fahrscheine das Schalterfensterchen passierten, geht heute frischer Kaffee und kühles Bier über die Kante – frisch gebrüht und gezapft am Tresen der im Inneren anschließenden Bar. Die Zuschauerschaft teilt sich in Oberbruck in zwei Teile. Der eine, maximal aufs Spiel fokussiert am Hang zum Platz stehend, der andere legt dann doch mehr Wert auf die unmittelbare Nähe zum Ausschank. Durch die beiden Gruppen schneidet sich ein rege genutzter Radweg, der den Verlauf der alten Bahnstrecke nachzeichnet. Gegenüber, hinter dem Spielfeld eröffnet sich dem Besucher ein tolles Vogesen-Panorama bis hin zur Skistation mit dem heiteren Namen „Téléski Schlumpf“.





Nach diesem wirklich beschwingenden Morgen führt mich meine weitere Route nach Masevaux. Der Hauptort des Dollertals verfügt über einen sehenswerten Stadtkern, es sieht dort eigentlich ziemlich genau so aus, wie man einen typisch elsässischen Ort üblicherweise in einer Reisebroschüre beworben bekommt. Hier ist es dann nach einem kurzen Bummel auch an der Zeit für den obligatorischen Flammekueche gratinée. Anschließend wird die Fahrt fortgesetzt und es geht langsam aber sicher (und leider) wieder in die urbane Zone der Agglomeration Mulhouse.
Dort steht zunächst um 13:30 Partie Nr. 2 im westlich gelegenen Vorort Lutterbach auf dem Plan, ehe ich zum Wochenendabschluss dann beinahe wieder am Rhein angelange. Die Kampfmannschaft der AS Rixheim empfängt zur D3-Regelanstoßzeit um vier in seinem für dieses Niveau bemerkenswerte Stadion die Gäste aus Rumersheim-le-Haut. Der Ground zeichnet sich neben seiner jüngst sanierten und frisch in Rixheim-Gelb gestrichenen großen Tribüne durch eine Asphalt-Skatingrennbahn aus, die das – wie in solchen Multifunktionsanlagen üblich – wahnsinnig große Rasenspielfeld ellipsenförmig umgibt.




